Plädoyer für Tibet

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der Jokhang-Platz

Der dem Jokhang-Tempel vorgelagerte Jokhang-Platz ist neben dem Tian’anmen-Platz in Peking der am besten bewachte Ort Chinas. Die Angst des chinesischen Regimes vor Aufständen und Terroranschlägen ist (berechtigterweise) groß. Es wird vermutet, daß 400.000 bis 500.000 Angehörige der Volksbefreiungsarmee auf dem Dach der Welt stationiert sind.

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im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Dach der Welt stationiert … die Volksbefreiungsarmee (das zu fotografieren, war natürlich nicht erlaubt)

Das sich das tibetische Volk jedoch befreit fühlt, wage ich zu bezweifeln, denn grüne Uniformen, Militärkonvois und -kontrollen gehören in Tibet zum Alltag. Die Besatzung Tibets legt das chinesische Regime zwar gerne als Befreiungsaktion aus, doch Befreiung von was? Befreiung der Menschen von ihrem buddhistischen Glauben, der dem ökonomischen Aufschwung wenig förderlich ist, da die nutzlose Zeit der religiösen Betätigung sinnvoller und gewinnbringender genutzt werden kann, als durch stunden- und tagelanges Pilgern! Von rund 3.800 bis 4.000 tibetischen Klöstern und Tempeln entgingen nur 13 der Zerstörung im Zuge der Kulturrevolution. Unzählige wertvolle Kunstwerke und Klosterbibliotheken sind für immer verloren. In einem Zeitraum von weniger als zwei Jahrzehnten ist fast das gesamte kulturelle Erbe der einzigartigen tibetischen Hochkultur rücksichtslos vernichtet worden. Als Mao Zedong im September 1976 starb, waren seit 1959 über eine Million Tibeter durch Hungersnöte, Folter und Massaker während der Kulturrevolution ums Leben gekommen. Die neue chinesische Führung hat sich unter Deng zwar vom Maoismus abgewandt aber sie hält eisern am angeblich historischen Besitzanspruch Chinas auf Tibet fest. Die Frage des völkerrechtlichen Status Tibets ist freilich nach wie vor umstritten.

Das soll als Einblick in die politische und völkerrechtlich inakzeptable Situation Tibets erst einmal reichen. Tibet hat halt das Pech, keinen Reichtum an kostbaren Bodenschätzen oder Rohstoffen und auch keine strategisch attraktive Lage, außer die Richtung Himmel zu haben. Andernfalls wäre es den Staaten dieser Welt, die auch sonst meinen, das Sagen zu haben und nach eigenem Gutdünken der eigenen Interessenlage entsprechend politisch, wirtschaftlich oder gar militärisch zu intervenieren, sicher bereits in den Sinn gekommen, zumindest die Vereinten Nationen einzuschalten und etwas gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit zu tun. Die UN üben sich jedoch seit Jahrzehnten in vornehmer Zurückhaltung. Denn wer will schon wegen einem kleinen Land wie Tibet dem großen China ans Bein pinkeln?

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Tibetische Hochkultur

So, heute ist unser letzter Tag in Lhasa, ab morgen nehmen wir die 900 Kilometer quer durch Tibet bis zur nepalesischen Grenze und weiter nach Kathmandu in Angriff. Die Strecke dorthin ist weitgehend unbefestigt, das Durchschnittstempo und die Reisezeiten werden dementsprechend lang sein. Das Wetter verschlechtert sich, es wird kalt und fängt an zu schneien. In unserer Gruppe haben einige mit Höhenkrankheit zu kämpfen, insbesondere Irma aus Holland. Ihr Mann musste sie vorgestern ins Krankenhaus bringen. Gestern ging’s ihr zum Glück bereits besser. Ich hatte im Zug gesehen, dass unter den Sitzen Sauerstoffmasken vorhanden waren und selbst von den Einheimischen auch benutzt wurden. Zudem wußte ich, daß Sauerstoffzufuhr neben einem Abstieg aus der Höhe die beste Medizin bei Höhenkrankheit ist. Das teilte ich auch Wilco und Irma mit und siehe da, nachdem sie im Krankenhaus Sauerstoff bekommen hatte, ging es mit ihr stetig bergauf.

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sagenumwobener Winterpalast des Dalai Lamas

Die letzten zwei Tage haben wir quasi einen historischen und kulturellen Crashkurs in Buddhismus bekommen. Unser Guide Sonam hat uns wirklich super auf Tibet eingestimmt und uns die Hintergründe seiner Religion in Zusammenhang mit den unternommenen Besichtigungen auf verständliche Weise nahe gebracht.

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der Potala-Palast bei Nacht

So haben wir den Sitz des Dalai Lama, den Potala-Palast, aus nächster Nähe und von innen kennen lernen dürfen … beeindruckend. Wohl kaum ein anderes asiatisches Bauwerk strahlt seit Jahrhunderten eine solch intensive Faszination aus, wie der sagenumwobene Winterpalast des Dalai Lamas. Wie ein gigantischer antiker Wolkenkratzer überragt der mächtige, 320 Meter lange und 110 Meter hohe festungsartige Palast das Lhasa-Tal. Das Wort Dalai (ausgesprochen: Dalä) stammt übrigens aus dem Mongolischen und bedeutet soviel wie „Ozean der Weisheit“, Lama bedeutet „der Oberste“. Man könnte Dalai Lama also als „der Oberste der ozeanischen Weisheit“ übersetzen. Kreativ oder? Der Palast steht nach dem Gang des amtierenden 14. Dalai Lama ins Exil nach Indien leer und ist derzeit quasi ein Museum und zugleich ein gigantisches Mausoleum. Er beinhaltet neben dem Audienzraum, dem Schlaf-, Wohn- und Meditationsraum des Dalai Lamas auch die Kapellen und Feuerbestattungs-Stupas mit den Gräbern der bisherigen religiösen Oberhäupter des Buddhismus, des 5. bis 13. Dalai Lamas. Besonders hervorzuheben ist die prächtige Stupa des großen 5. Dalai Lama, der aus 3.721 Kilogramm Goldfolie und tausenden von Perlen und Edelsteinen angefertigt wurde. Die Gräber des 1. bis 4. Dalai Lamas liegen übrigens außerhalb von Lhasa. Heutzutage wirkt der beeindruckende Monumentalbau wie eine tibetische Kulturinsel in einem Meer gesichtsloser chinesischer Zweckbauten, die ihn mittlerweile von allen Seiten umgeben. An Heuchelei nicht zu überbieten, ziert den Potala am höchsten Punkt des roten Palastes die chinesische Staatsflagge … Sarkasmus in Reinkultur.

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goldene Kuppeln des Jokhang-Tempels

Im und um das Jokhang-Kloster, zentrales Heiligtum der tibetischen Buddhisten, herrscht zu jeder Tageszeit lebhafter religiöser Betrieb durch die zahlreichen Pilgerer aus allen Teilen Tibets. Die Gesichter der schwer arbeitenden tibetischen Landbevölkerung, die sich bei der Kora teils mühsam um den Jokhang-Tempel schleppt, sind von bitterer Armut und Entbehrungen durch das Leben in der kargen und bitterkalten hochalpinen Umwelt gezeichnet. Ehrfurchtsvoll werfen sich die Gläubigen am Jokhang-Tempel auf den Boden, um gutes Karma zu erwerben, selbst wenn sie gebrechlich sind und ihnen das Aufstehen schwer fällt. Man kann vor diesen Menschen und ihrem tiefen Glauben nur den Hut ziehen und allergrößten Respekt haben.

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vom Leben gezeichnete Pilgerer

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wer irgendwie laufen kann, pilgert

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wer nicht mehr laufen kann, wirft sich auf den Boden um gutes Karma zu erlangen

Darüber hinaus besuchten wir noch drei der bedeutendsten buddhistischen Klöster des Gelugpa-Ordens in Tibet, das Drepung-Kloster des Gelbmützenordens, das Sera-Kloster, in dem wir den Mönchen beim Debattieren zusehen konnten, und heute das Ganden-Kloster, spirituelles Zentrum des Gelugpa-Ordens, ca. 70 Kilometer außerhalb und rund 1.000 Meter oberhalb von Lhasa einsam auf einer Bergkuppe thronend. Trekking war angesagt …

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debattierende Mönche

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spektakuläre Lage auf 4.700m – das Ganden-Kloster

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grandiose Aussichten beim Trekking

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Foto-Update

Hallo ihr Lieben,

ich war mal wieder fleißig und habe heute die Fotos der letzten paar Tage bis einschließlich heute hoch geladen, die Foto-Galerie ist demnach up-to-date.

Enjoy …

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Alleingang

Nun, das man Tibet nicht alleine bereisen darf, hatte ich bereits erwähnt, deshalb habe ich mich einer Gruppentour angeschlossen, die meiner geplanten Reiseroute von Lhasa über Zentraltibet, das Himalaya-Gebiet bis zur nepalesischen Grenze und weiter nach Kathmandu folgt. Das heißt, insofern die geplante Route nicht durch aktuelle Naturkatastrophen über den Haufen geworfen wird. Das Annapurna-Gebiet, das durch den Zyklon am Schwersten getroffen wurde und wo es viele Tote und Verletzte gab, liegt viel weiter westlich als das Himalaya-Gebiet am Mt. Everest, in dem wir nächste Woche sind. Dennoch gab es auch dort massiven Schneefall und Erdrutsche, so daß sowohl die Strasse nach Nepal derzeit unpassierbar als auch das Mt. Everest-Gebiet momentan gesperrt ist. Drücken wir mal die Daumen, daß wir dort nächste Woche durch kommen.

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der Potala-Palast, Sitz des Dalai Lama, der derzeit im Exil in Indien weilt (auch hier: Big Brother is watching you – siehe Kamera oben links)

Da unsere Tour offiziell erst am 16.10. abends begann und ich bereits am 14.10. in Lhasa ankam, hatte ich zwei Tage zur freien Verfügung. Gut, so ganz frei war die Verfügung nun nicht, da ich mich in Tibet und demnach auch in Lhasa nicht autark bewegen darf, sondern ausschließlich mit einem Guide … eigentlich. Wie meine liebe Mutter aus eigener Erfahrung sicher bestätigen wird, unterwerfe ich mich nur ungern Zwängen, deren Sinnhaftigkeit sich mir nicht erschließen und die wider meinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn sind. Demnach war auch das Korsett, das man mir hier anlegen wollte, für mein vorhandenes Maß an Unverständnis für solche Sanktionen um einige Nummern zu klein. Um eine geeignete Strategie, diese zu umgehen, auszuhecken, hatte ich im Zug genügend Zeit. Mein Guide brachte mich brav in mein Hotel – Doppelzimmer für mich alleine, gehobener Standard – das läßt man sich nach Wochen in Zügen und Hostels doch gerne mal gefallen. Ich verriet ihm bereits auf der Fahrt dorthin von meinen massiven Kopfschmerzen und das mein Körper bereits aus Erfahrung auf große Höhen nicht sonderlich positiv reagiert. Der Köder war gelegt. Erwartungsgemäß empfahl er mir dringend, mich 1-2 Tage im Hotel auszuruhen … diesen Vorschlag nahm ich dankend an und teilte ihm mit oscarreifer Miene mit, wie traurig ich doch darüber sei, nicht in den Genuß diverser Stadtführungen mit ihm zu kommen. Er meinte, das mache nichts, Gesundheit ginge schließlich vor … klar, hatte er so doch zwei freie Tage … ich aber auch.

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der Jokhang-Tempel, zentrales Heiligtum der tibetischen Buddhisten und Ziel aller Pilgerer

Kaum war er um die Ecke, war ich aus dem Zimmer raus und auf individueller Entdeckungstour durch Lhasa und Umgebung. Und um es zusammen zu fassen, mich in Lhasa alleine und überall zu bewegen, war völlig problemlos. An jeder Ecke sieht man schwer bewaffnete Militärpolizei, daneben gepanzerte Fahrzeuge mit Wasserwerfern aber mehr als (ungläubig) angeschaut haben die mich auch nicht, nachdem hinter mir nach 10 Minuten immer noch kein Guide folgte.

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die Gebetsmühle immer im Anschlag … Pilgerer bei der Kora um das Jokhang-Kloster

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Von tibetisch-buddhistischen Einrichtungen, wie Klöstern, Museen, usw. solle man sich unbedingt fern halten, so war zu lesen. Blödsinn! Ich war halt in den unbekannteren Klöstern der Stadt und ebenso im tibetischen und buddhistischen Museum, in beiden gewährte man mir sogar kostenfreien Eintritt. „Siehste“, dachte ich mir, „wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Meine Mama wird’s wissen …

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Gebetsfahnen hängen überall an heiligen Orten … wie z.B. Flüssen

Ich tauchte fortan, in dem glücklichen Gefühl, nun endlich den „richtigen“ Buddhismus erleben zu dürfen, tief ein in die buddhistische Praxis, begab mich morgendlich in mein Lieblingskloster, das Ramoche-Kloster ganz in der Nähe meines Hotels, gab Buddha und seinen göttlichen Gefolgsleuten seine tägliche Opfergabe und zelebrierte anschließend gemeinsam mit den anderen Pilgerern meine Kora – immer im Uhrzeigersinn versteht sich.

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der Potala-Palast …

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… ein beliebtes Foto-Motiv

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Tibet-Intro

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Lhasa liegt an der Lhasa

Drei Tage habe ich nun bereits in Tibet verbracht, ausschließlich in Lhasa, und ich muß sagen, Bärbel, Du hattest mit Deinem Kommentar vollkommen Recht, die Tibeter sind ganz anders als die Chinesen, freundlich, sanftmütig, achtsam und tief religiös. Eine Wohltat nach den Erlebnissen im „echten“ China. Tibet ist in der Tat das spirituelle Zentrum des Buddhismus, als das es weltweit bekannt ist. Diese Einschätzung sah ich sowohl durch Entdeckungen auf eigene Faust als auch am ersten Tag unserer Gruppenrundreise am heutigen Freitag absolut bestätigt.

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tibetische Mädchen sind auch freundlich

Ich werde Tibet innerhalb dieses Blogs bewußt nicht als Teil Chinas betrachten, sondern als das, was es ist, eine autonome Region und unabhängig davon, daß diese Autonomie in vielen relevanten Bereichen reine Makulatur ist. Die Menschen haben ihre Autonomie stets bewahrt, früher wie heute, trotz aller Leiden und Schikanen durch die Besatzer. Ihr Stolz und ihre aufrichtige und tiefe Verbundenheit mit ihrer Religion geben ihnen dabei Halt und Perspektive, das alleine ist sehr viel mehr Respekt wert als alles, was ich an menschlichem Verhalten im „echten“ China erleben durfte.

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selbst kleine Mädchen nehmen bereits die Mühen des Pilgerns auf sich

Leider Gottes wird Tibet sukzessive unterwandert … von der chinesischen Bevölkerung, der durch Subventionen und anderen Anreizen seitens des chinesischen Regimes eine Immigration nach Tibet schmackhaft gemacht wird. Mittlerweile hat alleine Lhasa bereits knapp 1 Million Einwohner, das Wachstum resultiert aus oben genanntem Sachverhalt. Folglich sinkt der prozentuale tibetisch-stämmige Einwohneranteil kontinuierlich, derzeit liegt er bei nur noch rund 20%.

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über den Dächern von Lhasa

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Zwischensummen

Seit meinem Start in St. Petersburg habe ich nun weit über 200 Stunden im Zug verbracht, nimmt man die Fährpassage ab Lübeck dazu, beträgt die Netto-Reisezeit overland von Deutschland nach Lhasa fast 13 Tage. In dieser Zeit habe ich rund 13.900 Kilometer zurück gelegt, davon 1.250 Kilometer auf der Fähre und 12.650 Kilometer im Zug. Die Dimension einer solchen Reise ist schwer vorstellbar und noch schwerer zu vermitteln, wenn man sie nicht selbst gemacht hat, auf jeden Fall ist sie eine prägende Erfahrung. Man bekommt einen realistischeren Eindruck von der immensen Größe unseres Planeten und von den extrem unterschiedlichen Besiedlungsdichten in Ballungsgebieten wie Peking im Vergleich zu den endlosen Weiten Sibiriens. Die Konsequenzen hoher Besiedlungsdichten zeigen sich auf nahezu allen Ebenen menschlichen Wirkens … meist in negativer Form.

Die Landflucht ist gerade in China ungebrochen. Das ist eines der sozio-strukturellen Probleme Chinas, ein weiteres ist die Überbevölkerung, der man auch mit der praktizierten Geburtenkontrolle nur schwer Herr wird. Das diese Mißstände die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer werden lassen, liegt auf der Hand. Die Unzufriedenheit der armen Bevölkerung, hohe Arbeitslosigkeit und steigende Kriminalitätsraten, gerade in den Metropolen, Abkehr von jahrhundertealten Lebensformen in der Großfamilie, Vereinsamung der Menschen bis hin zur Vernachlässigung der eigenen Traditionen und Identität sind nur einige der kritischen Entwicklung im ehemaligen Kaiserreich. Das diese Entwicklungen sicherlich einen signifikanten Beitrag zu den beschriebenen Verhaltensweisen der Bevölkerung führen, erscheint plausibel. Es bleibt zu hoffen, daß die Politik Antworten auf die sich hieraus ergebenden Fragen findet, in dem rasanten wirtschaftlichen Wachstum des Landes nicht nur Vorteile sieht und vor allem alle Bevölkerungsschichten am steigenden Wohlstand teilhaben läßt.

Noch bin ich nicht am Ende meiner Reise angelangt, es geht weiter mit Bus und Bahn auf dem Friendship-Highway von Tibet durch den Himalaya nach Kathmandu/Nepal und von dort in das letzte Land meiner Reise, den indischen Subkontinent, der, wie es der Name schon befürchten läßt, ebenfalls mit enormen Entfernungen aufwartet. Mal sehen, ob ich die 20.000 Kilometer overland knacke … zur Not muß ich mit dem Indrail-Pass, dem indischen Pendant zum Interrail-Ticket, noch ein paar Runden um Delhi drehen 🙂 …

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117 zu 1

Offiziell passen in meinen Waggon 118 Reisende, praktisch halten sich groben Schätzungen zufolge jedoch sicher rund 150 Leute in meinem Waggon auf – also offiziell 117 Chinesen und 1 Deutscher, nämlich ich. Nicht, daß mich das stören würde, im Waggon die nationale Attraktion zu sein, nein, schließlich habe ich bewußt einen Zug mit Hardsleeper-Waggons gewählt. Diese werden nämlich, insbesondere bei Übernachtfahrten, meist von den Einheimischen benutzt, da sie die preisgünstigste Alternative sind … und die unbequemste …

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117 dunkelhaarige und 1 blonder …

Außerdem hatte ich mir ja vorgenommen, mich nach meinen bisherigen Erfahrungen mit der chinesischen Bevölkerung primär um Land und weniger um die Leute zu kümmern, das wußte ich leider bei der Zugbuchung noch nicht. Leichter gesagt als getan! Für die Kids im Zug war ich selbstverständlich die Hauptattraktion und ich habe mit viel Geduld und unter voller Ausschöpfung meiner technischen Mittel (Stichwort: Selfie-Modus und immer kräftig winken) die unverhoffte Popularität zwar vollgesabbert aber zumindest fäkalienfrei überlebt. Ihr wisst ja, mit welchen Hosen die Kids hier rumrennen, unten noch mal zur Erinnerung.

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soooo laufen die Kids auch im Waggon rum

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Selfie-Fingerspiele mögen die Kinder

Richtig, die Nacht war kurz, aber was soll’s so habe ich die Fahrt zumindest halbwegs kurzweilig überstanden, dafür sorgte auch die chinesische Polizei. Ihr erinnert euch an das Tibet Travel Permit? Da steht natürlich alles auf chinesisch drauf, in meinem Reisepass nicht. Übersetzen konnte hier niemand, soviel war klar. Klar war dem Polizisten jedoch nicht, ob das, was auf dem TTP steht auch mit den Informationen zu meiner Person im Reisepass überein stimmt. Nun, dabei konnte ich ihm auch nicht helfen. Ratlosigkeit … und intensive Diskussionen zwischen Polizei und den anderen Passagieren, die mich aufgrund meiner liebevollen Hingabe für ihre Kinder (so dass die ihre Ruhe hatten) wohl sehr ins Herz geschlossen haben. Ich schaute dem Treiben zwar interessiert aber nichts verstehend zu. Letztlich schien es wohl so zu sein, daß der, der am lautesten Schreit, am Ende recht bekommt … und das war nicht der Polizist. „Wow“, dachte ich, „da ist ja endlich mal was wie bei uns …“. Der ältere Chinese bekam recht, ich meinen Pass zurück und der Polizist schlechte Laune … aber das muss dann jemand Anderes ausbaden …

Aha! Es gibt offensichtlich auch „die anderen“ Chinesen – aber vielleicht heißen die auch einfach nur Tibeter … we will see …

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„andere“ Chinesen? Tibeter!

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Höchstgelegene Bahnstrecke der Welt

Die Bahnfahrt auf der höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt, der 2006 fertiggestellten Lhasa-Bahn, führt mich über 2.860 Kilometer von Xi’an über den Bahnknotenpunkt Lhanzou, Xining und Golmud in die Hauptstadt der autonomen Provinz Tibet, Lhasa. Aufgrund der Höhe der Bahntrasse mit Passquerungen über 5.072 Meter Höhe (Tanggula-Pass) erfolgt im Zug Druckausgleich, ähnlich wie beim Flugzeug. Der höchstgelegene Bahnhof der Welt ist mit 5.068 m der Bahnhof Tanggula. Und noch ein Rekord: Der höchstgelegene Eisenbahntunnel der Welt ist der Fenghuo-Shan-Tunnel auf einer Höhe von 4.905 m. Beim Bau dieses Wunderwerks galt es, eine Menge Hürden zu überwinden, doch auch hier zeigte sich der Ideenreichtum der Chinesen. Ein paar Fakten:

  • Knapp 90 % der Strecke liegen höher als 4000 m. Die Höhenlage stellte extreme Anforderungen an Arbeiter und Maschinen. Auch Dieselllokomotiven brauchen Sauerstoff und verlieren in großer Höhe an Leistung. Daher werden in den höheren Lagen dem Zug 3 statt sonst 2 Lokomotiven vorgespannt.
  • Etwa 550 km der Strecke führen über Permafrostboden, der auch die Erschütterungen des Bahnbetriebs verkraften muss. Eine Lösung sind ammoniakgefüllte Stahlrohre, die am Gleisbett zu Tausenden in den Boden gerammt wurden. Der Ammoniak sorgt dafür, dass der Boden gefroren und damit stabil bleibt.
  • Im dünn besiedelten Hochland gibt es Herden von Yaks und Antilopen, die bei ihren jährlichen Wanderungen wiederholt die Strecke kreuzen müssen. Abhilfe schafft hier die Anhebung des Gleisbettes und das Anlegen von Durchgängen für die Tiere. Über weite Strecken stehen die Gleise auch auf Pfeilern, dies schafft denselben Effekt und nützt auch gegen das Auftauen des Permafrostbodens.
  • Im Bereich der Bahntrasse gibt es Wanderdünen, deren Zähmung eine Voraussetzung für einen störungsfreien Betrieb ist. Abhilfe sollen Steine bringen, die in grobem Raster neben der Strecke verlegt wurden und an denen sich deutlich erkennbar der Sand fängt.
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Lhasa-Bahn

Am Dienstagmorgen nach dem Überschreiten des höchsten Punktes und der Fahrt auf der tibetischen Hochebene merke ich deutlich, wie das Atmen schwerer fällt. Offensichtlich sind die Waggons nicht mehr ganz dicht und der niedrige Druck sowie die niedrige Sauerstoffsättigung der Luft verursachen leichte Kopfschmerzen. Nicht wenige Reisende haben auf dieser Höhe mit teils extremer Höhenkrankheit zu kämpfen.

Ich komme mit großen Höhen gut klar, Erfahrungen diesbezüglich konnte ich erst im letzten Jahr in den Anden auf dem Inka-Trail nach Macchu Picchu sammeln. Dieser führte mich bereits im Fußmarsch mit vollem Marschgepäck über 3 Pässe zwischen 3.900 und 4.200 Metern Höhe. Mein Highscore liegt bei gut 5.900 Metern, das ist die Höhe des Iliniza Norte in den ecuadorianischen Anden. Vor diesem Hintergrund hoffe ich doch sehr, daß ich auch ohne größere Probleme über das Dach der Welt komme. Der vermeintlich höchste Punkt wird voraussichtlich das Mt. Everest Base Camp auf gut 5.300 Metern sein.

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Ankunft in Lhasa

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Auf das Dach der Welt

Morgen besteige ich den Zug Richtung Lhasa, der Hauptstadt Tibets. Um nach Tibet einzureisen, reicht das chinesische Visum alleine übrigens nicht aus, nein, man benötigt zudem ein sogenanntes „Tibet Travel Permit“. Das bekommt man jedoch nur, wenn man sich einer Gruppentour anschließt und während der ganzen Zeit in Tibet von einem Guide „bewacht“ wird. Individualtourismus im Sinne von „Reisen auf eigene Faust“ ist von der chinesischen Regierung nämlich nicht erwünscht, westliche Devisen hingegen schon. Der gemeinhin neugierige und regimekritische Individualtourist könnte ja allzu individuelle Dinge sehen, die nicht für seine Augen bestimmt sind. Dass die Tibeter unterdrückt, gefoltert, umgebracht und ihre Kultur zerstört wird ist schließlich keine allzu gute Publicity – aber Realität.

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Tibet Travel Permit

Doch das ist eine andere Geschichte, über die ich nach meiner Ankunft in Tibet ab Mitte der Woche berichten werde …

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chinesische Mentalität

Zu meinen ersten Eindrücken in Bezug auf die Menschen in China und ihr Naturell hatte ich bereits im Rahmen meines Peking-Berichtes vorsichtig ausgeführt. Leider hat sich dieser primär negative Eindruck im Laufe der weiteren Reise nicht arg verbessert, eher verfestigt. Rüde, rücksichtslos, egoistisch, arrogant und desinteressiert, so kommt der gemeine Chinese nicht nur rüber, er verhält sich auch so. Die Städte sind hektisch, laut und brechend voll aber zumindest meist sauber. „Vielleicht bin ich da auch zu kritisch oder zu sensibel?“, habe ich oft gedacht, wenn ich mal wieder kopfschüttelnd abends das Hostel betrat aber auch diese Vermutung trifft nicht zu. Viele der Reisenden, die mir unterwegs in China begegneten, haben gleiche oder zumindest ähnliche Erfahrungen gemacht und nicht wenige haben ihre Reiseplanung daraufhin umgestellt mit dem Ziel einer zügigeren Weiterreise in ein anderes Land.

So habe ich erfreulicherweise Lisa (Ja, die aus der Transsib! Anniek, ihre Freundin, mußte leider schon nach NL zurück) nun bereits zum dritten Male wiedergetroffen, in meinem Hostel in Xi’an. Die Wiedersehensfreude war groß aber nachdem wir uns ausgetauscht hatten, offenbarte sie mir, daß sie so gar nicht glücklich sei mit der Hektik und dem Verhalten der Menschen in China und zügig nach Vietnam weiterreisen wolle. Nina aus Stuttgart, mit der ich die vier Tage in Xi’an zusammen verbrachte und mit der ich mich gut verstand, wollte ebenfalls schnell nach Peking und dann weiter über Hongkong, das trotz seiner seit Ende der 90er Jahre erfolgten kolonialpolitischen Rückgabe an China in vielerlei Hinsicht autonom geblieben ist, schließlich nach Thailand.

Schade, aber man muß ein Land und seine Menschen immer so nehmen, wie es ist! Entweder arrangiert man sich dann damit oder muß seine Konsequenzen daraus ziehen. Ich habe mich mit der Art und Lebensweise der Chinesen für den kurzen Zeitraum, den ich hier bin, arrangiert und den Fokus halt mehr auf die wunderbaren und einzigartigen historischen, kulturellen und landschaftlichen Schätze gelegt. Dies ist eigentlich schade, da ich grundsätzlich sehr an Land UND Leute interessiert bin aber wenn diese nicht an mir interessiert sind und sich zudem unangemessen verhalten, dann mache ich da auch mal eine Ausnahme ;-).

Irgendwie will es mir so gar nicht in den Kopf, daß ich hier in einem buddhistisch geprägten Land bin!

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