Die Bahnfahrt auf der höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt, der 2006 fertiggestellten Lhasa-Bahn, führt mich über 2.860 Kilometer von Xi’an über den Bahnknotenpunkt Lhanzou, Xining und Golmud in die Hauptstadt der autonomen Provinz Tibet, Lhasa. Aufgrund der Höhe der Bahntrasse mit Passquerungen über 5.072 Meter Höhe (Tanggula-Pass) erfolgt im Zug Druckausgleich, ähnlich wie beim Flugzeug. Der höchstgelegene Bahnhof der Welt ist mit 5.068 m der Bahnhof Tanggula. Und noch ein Rekord: Der höchstgelegene Eisenbahntunnel der Welt ist der Fenghuo-Shan-Tunnel auf einer Höhe von 4.905 m. Beim Bau dieses Wunderwerks galt es, eine Menge Hürden zu überwinden, doch auch hier zeigte sich der Ideenreichtum der Chinesen. Ein paar Fakten:
- Knapp 90 % der Strecke liegen höher als 4000 m. Die Höhenlage stellte extreme Anforderungen an Arbeiter und Maschinen. Auch Dieselllokomotiven brauchen Sauerstoff und verlieren in großer Höhe an Leistung. Daher werden in den höheren Lagen dem Zug 3 statt sonst 2 Lokomotiven vorgespannt.
- Etwa 550 km der Strecke führen über Permafrostboden, der auch die Erschütterungen des Bahnbetriebs verkraften muss. Eine Lösung sind ammoniakgefüllte Stahlrohre, die am Gleisbett zu Tausenden in den Boden gerammt wurden. Der Ammoniak sorgt dafür, dass der Boden gefroren und damit stabil bleibt.
- Im dünn besiedelten Hochland gibt es Herden von Yaks und Antilopen, die bei ihren jährlichen Wanderungen wiederholt die Strecke kreuzen müssen. Abhilfe schafft hier die Anhebung des Gleisbettes und das Anlegen von Durchgängen für die Tiere. Über weite Strecken stehen die Gleise auch auf Pfeilern, dies schafft denselben Effekt und nützt auch gegen das Auftauen des Permafrostbodens.
- Im Bereich der Bahntrasse gibt es Wanderdünen, deren Zähmung eine Voraussetzung für einen störungsfreien Betrieb ist. Abhilfe sollen Steine bringen, die in grobem Raster neben der Strecke verlegt wurden und an denen sich deutlich erkennbar der Sand fängt.
Am Dienstagmorgen nach dem Überschreiten des höchsten Punktes und der Fahrt auf der tibetischen Hochebene merke ich deutlich, wie das Atmen schwerer fällt. Offensichtlich sind die Waggons nicht mehr ganz dicht und der niedrige Druck sowie die niedrige Sauerstoffsättigung der Luft verursachen leichte Kopfschmerzen. Nicht wenige Reisende haben auf dieser Höhe mit teils extremer Höhenkrankheit zu kämpfen.
Ich komme mit großen Höhen gut klar, Erfahrungen diesbezüglich konnte ich erst im letzten Jahr in den Anden auf dem Inka-Trail nach Macchu Picchu sammeln. Dieser führte mich bereits im Fußmarsch mit vollem Marschgepäck über 3 Pässe zwischen 3.900 und 4.200 Metern Höhe. Mein Highscore liegt bei gut 5.900 Metern, das ist die Höhe des Iliniza Norte in den ecuadorianischen Anden. Vor diesem Hintergrund hoffe ich doch sehr, daß ich auch ohne größere Probleme über das Dach der Welt komme. Der vermeintlich höchste Punkt wird voraussichtlich das Mt. Everest Base Camp auf gut 5.300 Metern sein.

