Zwischensummen

Seit meinem Start in St. Petersburg habe ich nun weit über 200 Stunden im Zug verbracht, nimmt man die Fährpassage ab Lübeck dazu, beträgt die Netto-Reisezeit overland von Deutschland nach Lhasa fast 13 Tage. In dieser Zeit habe ich rund 13.900 Kilometer zurück gelegt, davon 1.250 Kilometer auf der Fähre und 12.650 Kilometer im Zug. Die Dimension einer solchen Reise ist schwer vorstellbar und noch schwerer zu vermitteln, wenn man sie nicht selbst gemacht hat, auf jeden Fall ist sie eine prägende Erfahrung. Man bekommt einen realistischeren Eindruck von der immensen Größe unseres Planeten und von den extrem unterschiedlichen Besiedlungsdichten in Ballungsgebieten wie Peking im Vergleich zu den endlosen Weiten Sibiriens. Die Konsequenzen hoher Besiedlungsdichten zeigen sich auf nahezu allen Ebenen menschlichen Wirkens … meist in negativer Form.

Die Landflucht ist gerade in China ungebrochen. Das ist eines der sozio-strukturellen Probleme Chinas, ein weiteres ist die Überbevölkerung, der man auch mit der praktizierten Geburtenkontrolle nur schwer Herr wird. Das diese Mißstände die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer werden lassen, liegt auf der Hand. Die Unzufriedenheit der armen Bevölkerung, hohe Arbeitslosigkeit und steigende Kriminalitätsraten, gerade in den Metropolen, Abkehr von jahrhundertealten Lebensformen in der Großfamilie, Vereinsamung der Menschen bis hin zur Vernachlässigung der eigenen Traditionen und Identität sind nur einige der kritischen Entwicklung im ehemaligen Kaiserreich. Das diese Entwicklungen sicherlich einen signifikanten Beitrag zu den beschriebenen Verhaltensweisen der Bevölkerung führen, erscheint plausibel. Es bleibt zu hoffen, daß die Politik Antworten auf die sich hieraus ergebenden Fragen findet, in dem rasanten wirtschaftlichen Wachstum des Landes nicht nur Vorteile sieht und vor allem alle Bevölkerungsschichten am steigenden Wohlstand teilhaben läßt.

Noch bin ich nicht am Ende meiner Reise angelangt, es geht weiter mit Bus und Bahn auf dem Friendship-Highway von Tibet durch den Himalaya nach Kathmandu/Nepal und von dort in das letzte Land meiner Reise, den indischen Subkontinent, der, wie es der Name schon befürchten läßt, ebenfalls mit enormen Entfernungen aufwartet. Mal sehen, ob ich die 20.000 Kilometer overland knacke … zur Not muß ich mit dem Indrail-Pass, dem indischen Pendant zum Interrail-Ticket, noch ein paar Runden um Delhi drehen 🙂 …

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