nationale Identifikationsfigur (01.10.2014)

Sicherlich kann man sich die Frage stellen, wie und warum jemand auf die Idee kommt, mitten im mongolischen Nirgendwo ein gewaltiges 40 Meter hohes und 120 Tonnen Edelstahl schweres Denkmal des mongolischen Nationalhelden Dschinghis Khan zu errichten. Die Antwort darauf ist relativ simpel und kommt direkt von Bilgin, unserem Guide. Die Mongolen sind mächtig stolz auf ihren Ur-Ahnen und das, was er geleistet hat, zwischen dem 13. Und 15. Jahrhundert ein Weltimperium aufzubauen, das von Ost-Europa im Westen bis zum Japanischen Meer im Osten reicht, im Süden China einschließt und bis an den Persischen Golf reicht. Nicht wenige Geschichtskundige sind der Meinung, dies sei das größte Weltreich der Geschichte gewesen.

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Die Leistung Dschinghis Khans liegt darin, daß er es schaffte, die mongolischen Stämme zu vereinen und mit ihnen einen gemeinsamen Weg der Eroberung zu beschreiten. Hinzu kommt die waffentechnische Überlegenheit sowie strategisches, führungsseitiges und organisatorisches Geschick, durch das es der Herrscherebene möglich war, mit überschaubarer Administration ein Reich dieses Ausmaßes zu führen und vereint zu halten. Erreicht wurde dies primär dadurch, daß ausschließlich Nachfolger aus der eigenen Blutslinie, deren uneingeschränkter Loyalität sich die Herrscherebene, Dschinghis Khan und seine Nachfahren, sicher sein konnten, in den einzelnen Regionen des Weltreiches eingesetzt wurden und die autark nach Vorgabe der Könige schalten und walten durften … mit Erfolg.

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Bis ins Jahr 1368 konnte das großmongolische Reich aufrechterhalten werden, Zugeständnisse an die Autonomie der Yuan Dynastie (das heutige China), die Intrigen begünstigten, führten schließlich zum Ende des Großreiches. Die goldenen Horden im Westen Russlands bis hin nach Ost-Europa ließen sich dadurch noch gut 100 Jahre länger wenig beeindrucken, dann zerfiel jedoch 1480 auch ihr Reich, das heutige Russland konnte entstehen.

Insofern ist dieses monumentale Denkmal ein zentrales Identifikationsobjekt der Mongolen, auf das sie zu Recht stolz sind.

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Zu den Wurzeln Dschinghis Khans

Auch wenn zeitlich nicht mehr als eine Zweitagestour möglich war, um sich einen Eindruck vom Leben der Mongolen außerhalb der Hauptstadt Ulan-Bataar zu machen und das Land sowie das Leben dort kennen zu lernen, so hat sich dieser Ausflug dennoch vollauf gelohnt.

Wir, das sind unser Guide Bilgin, unser Fahrer, meine vier mitreisenden Schweden Johanna, Nina, Jesper und Oscar und ich. Wir fahren am Dienstagmorgen gegen 9 Uhr los, zunächst zu einer Gedenkstätte mit Aussichtspunkt und schönem Blick über ganz UB.

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Sieht doch aus wie eine Schildkröte … mit ein wenig Vorstellungskraft

Danach geht’s auf meist schlechten und unbefestigten Straßen in den Terelj Nationalpark. Unterwegs halten wir am sogenannten Turtle Rock, eine Felsformation, die wie eine Schildkröte aussieht. Im Terelj NP kommen wir gegen Mittag an, er liegt etwa 70 km außerhalb von UB und soll einer der schönsten Nationalparks des Landes sein.
Wir sind während der zwei Tage plus Übernachtung in der Jurte Gäste einer mongolischen Familie, die wie seit Jahrhunderten in dörflich strukturierten Jurten lebt, unsere Gastfamilie mit dem kleinen Sohn Patika und zwei Katzen in zwei zusammen hängenden Jurten. Die eine Jurte ist Koch- und Essbereich, die andere Wohn- und Schlafbereich. Mittlerweile gibt es zwar Elektrizität, jedoch kein fließend Wasser und sanitäre Einrichtungen innerhalb der Jurte. Ein Bretterverschlag draußen über einem mehr oder weniger tiefen Loch dient als Toilette, daneben die „Duschkabine“, die man nutzen kann, wenn man den außen hängenden Plastikbehälter zuvor mit Wasser gefüllt hat. Ich für meinen Teil habe in der Zeit hier versucht, meinen Körper auf minimale Darmaktivität umzustellen, um eine Überprüfung der Praxistauglichkeit dieser Konstruktion tunlichst zu vermeiden.

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Toilette auf mongolisch

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„unser“ Jurten-Camp

Mit spärlichen Mitteln und überschaubarem Platz zaubert uns die Dame des Hauses, sorry, der Jurte, ein sehr leckeres Mittagessen aus spätzleähnlichen Nudeln, Kartoffeln, Gemüse und Rindfleisch. Dazu gibt’s Tee aus Yak-Milch.

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was sie in der kleinen „Küche“ so alles zaubert ist bewundernswert

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Jurten-Küche

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Tee aus Yak-Milch

Patika ist ein richtiger Wirbelwind, der die ganze Zeit den Clown der Runde spielt. Ein ganz süßes Kerlchen! Mit seinen Zöpfen könnte man meinen, er wäre ein Mädchen. Weit gefehlt! Es ist mongolische Tradition, die Haare der Kinder bis zum 4./5. Lebensjahr wachsen zu lassen. Man wartet auf den richtigen Zeitpunkt, ein besonderes Zeichen, was immer das auch sein mag, um die Erstbeschneidung durchzuführen. Dieser erste Haarschnitt wird im Rahmen einer feierlichen Zeremonie gebührend gewürdigt.

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Nachmittags wandern wir zu einem buddhistischen Kloster, meine erste Berührung mit dem Buddhismus habe ich demnach bereits hier in der Mongolei, in der der Lamaismus weit verbreitet ist. Zuvor besuchte ich bereits das größte nationale Heiligtum der mongolischen Buddhisten in der Mongolei, das Gandan Kloster in UB mit seiner riesigen stehenden goldenen Buddha-Statue. Etwa zwei Drittel der mongolischen Bevölkerung sind Buddhisten, der Rest Christen, Muslime und vor allem dem noch weit verbreiteten Schamaismus, eine Art Voodoo-Kult, zugewandte Menschen.

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goldener Buddha im Gandan Kloster

Zu meinem Schrecken mußte ich erfahren, daß unser Guide Bilgin vor dem Abendessen noch einen einstündigen Ausritt mit Pferden geplant hatte. Nun, meine bisher erste und letzte Erfahrung auf dem Rücken eines Pferdes war, sagen wir mal vorsichtig, enttäuschend, weniger für das Pferd, mehr für mich und meinen Hintern. Damals vor 22 Jahren in Ägypten nach einem Galoppritt um die Pyramiden von Gizeh konnte ich 5 Tage nicht mehr richtig sitzen! Vor dem Hintergrund dieser noch sehr lebhaft in Erinnerung gebliebenen Erfahrung hielt sich meine Vorfreude auf den Ausritt verständlicherweise in Grenzen. „Was soll’s“, dachte ich, „mitgefangen, mitgehangen“. Glücklicherweise waren unsere Pferde, bis auf das von Oscar, das hatte irgendwie einen ausgeprägten Egoismus, sehr pflegeleicht und so glitten wir trabend und ab und zu leicht galoppierend der Dämmerung entgegen. Mein Hintern hat’s jedenfalls unbeschadet überstanden.

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Johanna hat das Reiten auch gefallen

Als Abendessen gab’s eine Art Pichelsteiner Eintopf mit Lammfleisch und selbstgemachtes Teiggebäck als eine Art Brotbeilage. Wir fünf spielten anschließend noch eine Runde Maxi-Yathcy, eine verschärfte Kniffel-Variante und krochen anschließend todmüde gegen 21 Uhr in unsere Jurten-Betten.

Für den zweiten Tag stand eine Morgenwanderung auf einen Berg im Nationalpark auf dem Plan, der Besuch der Dschinghis Khan Statue und die Rückfahrt nach UB am frühen Nachmittag. Dazu dann mehr im nächsten Beitrag …

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Foto-Update

Hallo ihr Lieben,

ich war mal wieder fleißig und habe heute die Fotos der letzten paar Tage bis einschließlich heute hoch geladen, die Foto-Galerie ist demnach up-to-date.

Enjoy …

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Roundup Russland

Auf der Fahrt am heutigen Dienstagmorgen von UB (Ulan-Bataar) in den Terelj-Nationalpark habe ich ein wenig Zeit und auch den nötigen Abstand, um einen kleinen Rückblick auf die Zeit in Russland zu formulieren.

Im Nachhinein war die rein spontan gewählte Reisezeit im frühen Herbst perfekt für eine Reise durch die immensen Weiten Russlands. Es ist noch recht mild, tagsüber war es im europäischen Teil sogar richtig warm. Das Wetter ist ruhig, die Luft klar, es fällt wenig Regen und die Landschaft ist aufgrund der bereits reichlich eingesetzten Herbstfärbung zauberhaft. Die Nächte können, insbesondere im asiatischen Teil Russlands und in Sibirien dagegen bereits richtig kühl werden, bis weit in die Minusgrade.

Von Land und Leute bin ich vorbehaltlos begeistert. Zwar konnte ich mir im Vorfeld gut vorstellen, daß ich die einmalige, weitestgehend unberührte Natur, insbesondere im dünn besiedelten asiatischen Teil Russlands, auch so erleben kann. Äußerst positiv überrascht war ich hingegen, daß sich die vorhandenen Vorurteile gegenüber und Vorstellungen von den Einwohnern Russlands so garnicht bestätigt haben. Während meiner Reise habe ich die russische Mentalität zunächst als positiv zurückhaltend, höflich und hilfsbereit wahrgenommen, was viel angenehmer ist, als die oftmals in anderen Ländern erlebte Aufdringlichkeit zumindest eines Teils der dort lebenden Menschen. Man läßt den Reisenden Zeit, „anzukommen“ und sich zu orientieren, ohne ihn gleich zu überfallen, das schafft Vertrauen. Wenn man dann von sich aus auf die Menschen zugeht, sind sie offen, freundlich, zugewandt, interessiert und kommunikativ. Mich im Land zwischen und mit den Menschen zu bewegen, empfand ich jederzeit als sehr angenehm. Ich hatte nie das Gefühl, über’s Ohr gehauen zu werden oder in unsicherer Gesellschaft zu sein. Ich habe mich überall und jederzeit sicher gefühlt.

Zusammenfassend hat das Land für jeden Geschmack und jede Interessenlage super viel zu bieten, eine grandiose Landschaft, ist sauber, einfach zu bereisen, sicher und beherbergt Menschen, die einem aufgeschlossen gegenüber stehen und wohl gesonnen sind. Was will man mehr, wenn man ein Land unbeschwert bereisen, positiv erleben und in guter Erinnerung behalten will?

Danke Russland!

P.S.: Es freut mich selbstredend, bereits als Feedback zu meinen Erlebnissen und Wahrnehmungen, Aussagen von Lesern zu erhalten, daß sie russische Menschen an der Supermarkt-Kasse in Deutschland nun mit ganz anderen Augen sehen. Bravo, weiter so!

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mongolisches Outback

Heute habe ich mir ganz unspektakulär Ulan-Bataar angeschaut, nach dem Wochenende konnte ich Unspektakuläres gut vertragen. Auch hier ist das Hostel namens „Sunpath Mongolia“ absolute Spitze. Sie bieten auch Touren an, ich schlage zu, denn Ulan-Bataar hat wenig zu bieten, außer man mag ein einziges Verkehrschaos und Smog. Zu wenig für 3 Tage Aufenthalt. Die mongolischen Steppen-, Gras- und Wüstenlandschaften sind die eigentliche Sehenswürdigkeit, die Jurten-Camps, die Wildpferd-Herden und die grandiosen Nationalparks. Dazu muß man raus aus der Stadt.

Kurzentschlossen buche ich eine 2-Tagestour in die Umgebung, um hiervon einen Eindruck zu bekommen. Am morgigen Dienstag geht es los. Das bedeutet selbstredend Offline-Modus. Im nächsten Beitrag berichte ich von den Erlebnissen bei den Nachfahren Dschinghis Khans. Geduld …

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Ein Tag am Grenzbahnhof

Mein Waggon Nr. 9 des Zuges 362 von Irkutsk nach Ulan Bataar ist ausschließlich für Touristen, keine Einheimischen sind an Bord. Das war im letzten Zug anders. Dieses Mal habe ich das Bett unten, mit mir im Abteil reisen Greg aus Sydney und zwei Mädels einer 9-Frauen-und-1-Mann-Gruppe aus unterschiedlichen europäischen Ländern. Lisa und Anniek heißen die beiden und kommen, wie soll’s auch anders sein, aus den Niederlanden. Irgendwie hab ich’s mit unseren Nachbarn, auf den Zugfahrten verfolgen die mich. Die anderen Mädels kommen u.a. aus Dänemark, Norwegen, China und Australien, den männlichen Teilnehmer habe ich bei dem ganzen Weibsvolk nicht so recht wahrgenommen.

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Ich, Greg und ein paar Mädels der Reisegruppe

Greg kennt Lisa und Anniek schon von der Zugfahrt Moskau – Irkutsk, ich bekomme schnell Anschluss, da ich mich mit Greg auf Anhieb super verstehe. Er ist 52 Jahre, hat seine Tochter in England besucht, die dort ein Auslandsjahr macht und den Europatrip mit Reisen u.a. nach Island und Irland verbunden. Nun geht’s für ihn mit der Transsib zurück und über China Richtung Australien. Wir unterhalten uns über die Problematik mit der Urbevölkerung, den Aborigines, in Australien, die Entwicklung des Zusammenlebens mit den Einwanderern, die Globalisierung, Beruf und Karriere, den Sinn des Lebens … es macht einfach Spaß.

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Crocodile Greg

Greg hat mich nach Sydney eingeladen, er sagte, das hätte er bisher noch niemandem angeboten und er meine das ernst. Den Ayers Rock müssen wir unbedingt sehen und er will mit mir zusammen einen Camper für mich kaufen gehen – mit Rückkaufgarantie bei Abreise … „cool“, denke ich, „nach Australien wollte ich immer schon mal“. Campen sei nämlich am Ayers Rock der Oberhammer, der Campground wird von den Aborigines betrieben. Greg hat verstanden!

In der Nacht von Samstag auf Sonntag passieren wir Ulan-Ude, ab hier trennt sich die Transsib-Originalstrecke nach Wladiwostok oder über die Mandschurei nach Peking von der transmongolischen Route über Ulan-Bataar nach Peking. Letztere nehme ich. Sonntagmittag sind wir dann am russischen Grenzbahnhof, die Ausreise steht an. Ich habe ja bereits einige Horrorstories gehört, konnte aber irgendwie nicht so recht glauben, warum die Ausreise aus Russland 5 (!) Stunden dauern soll. Jetzt weiß ich’s! Insgesamt viermal kommen irgendwelche russischen Behörden durch den Zug, der mittlerweile wie ein Waggon, in dem man eine Bombe vermutet, einsam und verlassen auf einem Gleis steht. Über die Stunden wird er dann auch mal auf das eine oder andere Gleis verschoben, so viele Gleise gibt’s ja hier schließlich nicht und andere Züge müssen ja auch mal durch.

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Bin Laden’s Terror-Waggon

Passkontrolle und Zoll kann ich ja noch verstehen aber was die anderen wollen, erschließt sich keinem von uns. Mal dürfen wir rein, mal müssen wir rein, mal dürfen wir raus und mal müssen wir raus. Warum? Weshalb? Vladimir fragen!

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Greg, Lisa, Anniek und ich in der Sonne am Bahnsteig … uns geht’s gut!

Uns vieren ist das alles egal, wir machen es uns in der Sonne am Bahnsteig gemütlich, erzählen uns Stories, hören Musik und lachen viel. Greg und die Mädels wollen ihre letzten Rubel loswerden, wir gehen einen Supermarkt suchen. Greg’s außergewöhnliche Idee – Vodka kaufen. „Gut, das kenne ich ja schon von Andy“, dachte ich mir und freute mich auf eine Nacht mit schnarchendem Greg :-(.

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Grenzstein geschafft … tschüß Russland

 

Dann endlich Weiterfahrt … denkste! Nach 5km ist Schluß, ist ja auch klar, der erste Bahnhof in der Mongolei heißt bezeichnenderweise „5 km“ – es ist der mongolische Einreisebahnhof. Und siehe da, unsere mongolischen Freunde haben dem großen Nachbarn doch etwas voraus, sie sind schneller. Ganze 1,5 Stunden! Die Einreise dauert nur 3,5 Stunden … wir feiern weiter.

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Nach 8,5 Stunden war’s dann endgültig geschafft, die Lok setzte sich, übrigens mit unserem Terror-Waggon als einzigem Anhängsel, in Bewegung … Mongolei wir kommen!

Am frühen Montagmorgen gegen 5 Uhr erreichen wir Ulan-Bataar, Greg und ich verabschieden uns, wir treffen uns am Mittwoch zum Abendessen.

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Chaos-Spielwarenladen am Grenzbahnhof – auch hier müssen wohl viele Kinder im Zug mitfahren … und ich hab schon wieder keine gesehen!

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Zum Glück unterwegs (28.09.2014)

Korrekt, den Titel kann man mehrdeutig verstehen, richtig interpretiert ist er jedoch, wenn man ihn so versteht, daß ich froh sein kann, überhaupt wieder im Zug zu sitzen und Richtung Mongolei unterwegs zu sein. Das war nämlich reichlich knapp gestern Abend und ich bin nur mit Mühe und Not 7 Minuten vor Abfahrt am Gleis angekommen obwohl ich großzügige 2 Stunden vor Abfahrt das Hostel verlassen habe. Es entspricht meiner Natur und Erfahrung, immer mindestens eine, meistens zwei Alternativen für den Fall der Fälle parat zu haben. Andernfalls bekommt man als Individualtourist in Ländern, deren technische Standards und/oder Zuverlässigkeit nicht dem gewohnten Niveau entsprechen sehr schnell große Probleme mit der individuellen Reiseplanung und den damit zusammen hängenden Buchungen von Transport und/oder Unterkunft. Gestern jedenfalls brauchte ich drei Alternativen und musste zum Schluss noch improvisieren!

Ausgangssituation: Abfahrt 22.05 Uhr. 20.15 Uhr – Sachen sind gepackt, Fahrt zum Bahnhof mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist wie auf dem Hinweg mit der Tram vorgesehen, Fahrtzeit ca. 40 Minuten bis zum Bahnhof. Ich also mit Sack und Pack zur Tram-Haltestelle. Mit mir stehen dort noch eine Reihe anderer Leute, die steigen in Maschrutkas (Sammeltaxis) ein, keine Tram kommt. 20.35 Uhr – eine Tram kommt, falsche Linie, Linie 5 statt 1. Adrenalinpegel steigt. 10 Minuten später, heftiges Getümmel an der nächsten Tram, wieder die 5, Mist! Ich hin, frage mit Händen und Füßen was los ist, bekomme irgendwie raus, daß die Linie 1 wegen einer liegen gebliebenen Tram nicht befahrbar ist. Damit komme ich mit der Tram nicht zum Bahnhof. Also Plan B, Maschrutka Nr. 116 ab Haltestelle 500m entfernt. 20.55 Uhr – ca. 20 Maschrutkas haben bisher gehalten, keine Nr. 116, wieder Mist. Ich muss entscheiden, Geld spielt keine Rolle, Plan C – Taxi. Ich mit Sack und Pack zurück zum Hostel, vorbei fahrende Taxis halten nämlich nicht, das wußte ich schon vorher. 21.07 Uhr – Taxi ist gerufen, soll in 10 Minuten da sein. 21.25 Uhr – kein Taxi in Sicht, ich frage im Hostel nach, sie ruft nochmal an. Fahrer findet das Hostel anscheinend nicht, „Das darf doch nicht wahr sein“, schießt es mir durch den Kopf, „selbst ich als Ausländer habe das Hostel zu Fuß und ohne Navi gefunden!“. Jetzt wird’s eng. Ich raus auf die Hauptstrasse, wild fuchtelnd schaffe ich es, ein Taxi anzuhalten, ich versuche dem Fahrer mit irgendwelchem Kauderwelsch aus englisch, russisch und deutsch zu verklickern, wo ich hin will und das ich’s extrem eilig habe. 21.40 Uhr – er hat begriffen, fährt eingeschüchtert los. So eingeschüchtert, das er das Gaspedal nur sehr widerwillig treten mag und sich in durch Baustellen gesperrte Strassen fast verirrt. 21.45 Uhr – erneute Ansage von mir, er gibt nun endlich Stoff, faselt was von Money, will 300 Rubel – Wucher! Aber egal, ich habe keine Zeit und Nerven mehr, mich mit ihm zu streiten und darüber hinaus sowieso nur noch 100 Rubel. Schließlich reise ich ja morgen aus Russland ab und im Zug brauche ich keine Rubel. 21.55 Uhr – Plan D, ich versuche ihm 10 Euro schmackhaft zu machen (sind umgerechnet sogar 500 Rubel), habe ja noch 200 Euro als Notreserve in bar mit. Aus meiner Sicht ein guter Deal für ihn. Er sieht das anders, flucht vermutlich nicht jugendfrei auf russisch. Mir ist es egal, Hauptsache ich bin am Bahnhof, renne zum Gleis – 21.58 Uhr, geschafft!

„Glück und Erfolg hat man nur, wenn Vorbereitung auf Chance trifft“, sagt eine Volksweisheit. Dem kann ich vorbehaltlos zustimmen!

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Reise zurück in die Zeit

Da der Dienstag und Mittwoch nun sehr ereignisreich waren, habe ich den Donnerstag für Müßiggang frei gehalten … sei ja auch mal erlaubt. Ich bin morgens auf den Markt, habe dies oder das bei den durchweg hübschen Marktfrauen eingekauft. Es war auf dem Markt schon lustig zu beobachten, die Damen verkaufen Fisch, Fleisch, Blumen, Obst oder Gemüse und sind dabei immer einwandfrei gestylt und geschminkt, gut aussehen ist oberste Maxime der weiblich-russischen Spezies. Als ich Aufschnitt einkaufte mußte ich sogar warten, weil die Dame sich gerade am Schminken war. Hab ich doch gerne gemacht!

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krasses Kuchendesign auf dem Markt

Den übrigen Tag habe ich relaxend und lesend in Parks oder am Angara-Ufer verbracht.

Am Freitag ging’s dann mit dem Bus nach Talcy, ein Museumsdorf, welches viele sehr schön rekonstruierte Gebäude aus der Region der vergangenen Jahrhunderte beheimatet. Man kann anschaulich die Entwicklung der Lebensformen von Zelt- und Jurtenformationen im 16. Jahrhundert bis hin zu einigermaßen komfortablen Kaufmannshäusern des 19. Jahrhunderts verfolgen. Zu sehen sind hier u.a. ein Kosakenhaus, ein Küsterhaus, eine Kirche, eine Schule, eine Polizeistation, ein Bürgermeisterhaus, eine Festung und ein kleines Dorf. Insbesondere wird deutlich, warum Irkutsk den Beinamen Holzstadt führt. Holz ist elementarer Bestandteil sämtlicher baulicher Konstruktionen in und um Irkutsk sowie in ganz Sibirien. Die typischen Häuser wurden als Hommage an die Ursprünge auch sehr schön im „130th district“ in Irkutsk als Shopping-Mall rekonstruiert.

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Am heutigen Samstag gegen 22 Uhr ist nun Weiterreise mit der Transsib gen Mongolei angesagt und weinenden Auges muß ich Russland bald „Tschüß“ sagen (im Laufe des Sonntags werden wir die Grenze passieren und am frühen Montagmorgen Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei, erreichen). Ich bin begeistert von Land und Leute. Russland hat mir so gut gefallen, daß ich dem mit gut 17 Mio. Quadratkilometern größten Land der Erde noch einen Extra-Beitrag in Form eines Roundups widmen werde.

Lachenden Auges freue mich mich aber auch auf die bevorstehende Reise zu den wilden Mongolen, die in Form von Dschinghis Khan auch einen signifikanten Beitrag zu der Geschichte Russlands geleistet haben. Insofern bleibe ich Russland noch einige Tage geistig verbunden.

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Angler am Baikalsee

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russische Alternative zu Liebes-Schlössern – Liebes-Bänder, die um einfach alles gehängt werden …

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Tiefster See der Erde

Die Ausmaße dieses mit 1.637m tiefsten Sees der Erde sind einfach gewaltig: Der Baikalsee entstand vor 20-25 Mio. Jahren und ist damit zugleich auch einer der ältesten Seen der Erde. Er ist das größte Süßwasserbecken der Erde, faßt 20% des gesamten Süßwasserbestandes. Das entspricht 23.000 Kubikkilometer Wasser, zweimal so viel wie die Ostsee (!). Alle (!) Flüsse dieser Welt bräuchten 1 Jahr, um den See zu füllen.

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Querschnitt durch den Baikalsee … wie ein Trichter. Auf dem Schaubild konnte man die Wanderung der Tiere im See nach den Jahreszeiten verfolgen.

Der Baikalsee liegt 455m über dem Meeresspiegel und ist 636 km lang sowie maximal 80 km breit, die Uferlänge misst rund 2.000 km. 336 Flüsse speisen den See, lediglich einer, die Angara, an der Irkutsk, ca. 70 km vom Baikalsee entfernt, liegt, fließt aus dem Baikalsee ab. Der See ist von der Oberfläche bis zum Grund durchgängig mit Sauerstoff gesättigt, was ihm eine unglaubliche Artenvielfalt in Flora und Fauna und klares Wasser mit Sichtweiten von 40 m und mehr beschert. Bisher wurden rund 1.500 Lebewesen (davon über 200 Krebsarten) und 1.085 Pflanzenarten identifiziert, ca. zwei Drittel davon sind endemisch.

Erwähnenswert ist ferner die Baikalrobbe, Nerpa genannt, von der man annimmt, daß sie vor tausenden von Jahren vom Polarmeer in den See gekommen ist. Sie sieht ein wenig gedrungen aus, voluminöser Körper vor kleinem Kopf. Naja, viel denken muß man bei einem Leben im Baikalsee wohl nicht, zu essen gibt’s satt und keine natürlichen Feinde – außer dem Menschen.

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Eine Nerpa-Robbe – sieht doch echt lustig aus oder?

Soviel zu den beeindruckenden Fakten zu diesem See, der unbedingt einen Besuch wert ist. Am Mittwochmorgen ging’s dann mit dem Bus in einer guten Stunde dorthin. Gleich in zweifacher Hinsicht war am Morgen das Sprichwort „man sieht sich immer zweimal im Leben“ – mindestens – anwendbar.  Am Busbahnhof traf ich Andy und Carmen wieder, die ebenfalls die erste Nacht in Irkutsk verbracht hatten und nun auf dem Weg nach Olchon waren, der größten Insel im Baikalsee und ein Natur- und Wanderparadies. Ich hatte auch erst überlegt, dorthin zu reisen aber sowohl An- und Abreise als auch Unterkunft vor Ort gestalten sich nicht so trivial, das hätte ein wenig mehr Zeit und Vorbereitung gebraucht. Angekommen in Listwjanka, was übersetzt soviel wie „Lärchenbaum“ heißt (hab aber keine gesehen), dem meistbesuchten Ort am Baikalsee und Touristenzentrum, schlenderte ich zunächst an der Uferpromenade entlang. Am Pier, wo die Ausflugsboote ablegen und Fischerboote anliegen, sah ich dann auf der anderen Straßenseite plötzlich Jorrit und Jolien. „Lustig“, dachte ich, „irgendwie können die sich alle nicht von mir trennen“ ;-). Erfreut über das unverhoffte Wiedersehen, sind wir zusammen über den Markt und haben Fisch für das Mittagessen eingekauft. Spezialität ist Omul, eine endemische Fischart, die an jeder Ecke gegart oder geräuchert angeboten wird.

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Omul geräuchert …

Danach trennten sich unsere Wege wieder und ich unternahm zwei wunderschöne Wanderungen entlang des Baikalsees (Bolschaja Baikalskaja Trapa und auf den Berg Gara Tscherskowo) mit teils spektakulären Aussichten auf den See (siehe Fotos).

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Angekommen auf dem Gara Tscherskowo (knapp 700m hoch) …

Zum Abschluß eines traumhaften Tages besuchte ich dann noch das Baikalmuseum, in dem man sehr viele Informationen über die Entstehungsgeschichte, Flora und Fauna und die Nerpa-Robben des Sees erhielt, die dort in einem Aquarium gehalten werden. Sehr spannend war eine simulierte dreidimensionale Fahrt mit einem Mini-U-Boot von der Wasseroberfläche bis auf den Grund auf 1.637m.  Getreu dem Motto „man muß das Rad ja nicht immer neu erfinden“, habe ich einige sehr schöne Fotos vom Baikalsee im Winter „abfotografiert“. Ich hatte halt keine Zeit, so lange zu warten, bis der See wie üblich bei -40 Grad (Durchschnitt -20 Grad) auf bis zu 1,5 Meter zugefroren ist – und ich mit ihm.

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Die Perle Sibiriens

Da waren wir nun endlich, in Irkutsk, der Perle und nach allgemein anerkannter Einschätzung schönsten Stadt Sibiriens … was es zu verifizieren galt!

Bei Ankunft in Irkutsk am Dienstagvormittag erwartete mich die Stadt im herbstlichen Grau und es war auch merklich frisch. „Egal“, dachte ich mir, „für heute habe ich sowieso viele Notwendigkeiten und Organisatorisches auf dem Plan“: Blog updaten, Wäsche waschen, einkaufen gehen, Mails checken und beantworten, Finanzen prüfen und Geld besorgen und zuallererst DUSCHEN UND KÖRPERPFLEGE. Prinzipiell ist auf Reisen all das zu tun, was auch zuhause getan werden will, nur putzen brauche ich nicht, dafür bin ich ja zahlender Gast in irgendeiner Unterkunft. Mein Hostel hier in Irkutsk ist übrigens sehr modern eingerichtet, sauber und ruhig. Beste Voraussetzungen also für einen entspannten Aufenthalt.

Ich ließ den Tag also ruhig angehen, erledigte, was zu erledigen war und siehe da, es ging alles zügiger von der Hand als gedacht und ich war bereits gegen Mittag „ready to explore“. Die freundliche Rezeptionistin nahm mir das Waschen und Trocknen meines Wäschestapels ab, fast wie zuhause … für umgerechnet 1 EUR. Das ist ein Deal! Und noch eine Überraschung, das triste Grau wich innerhalb kurzer Zeit einem strahlend blauen Himmel, die Temperaturen stiegen jenseits der 10-Grad-Marke. „Was willste mehr“, dachte ich mir, „Irkutsk heißt Dich willkommen“.

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Tupperabende gibt’s wohl auch in Irkutsk …

Ausgerüstet mit Stadtplan und Informationen zu Sehenswürdigkeiten von der Rezeption legte ich also los und lief die ca. 5km lange „Green Line“ ab, eine, wie ich finde, super Idee der Irkutsker Touristenbehörde. Irkutsk kommt generell sehr aufgeräumt und touristisch orientiert daher aber nicht im negativen Sinne. Eher darum bemüht, es dem in der Regel durchreisenden Besucher, der im Normalfall 1-2 Tage in der Stadt bleibt, so angenehm und einfach wie möglich zu machen in Bezug auf Orientierung und Unterstützung. Respekt!

Die „Green Line“ ist eine auf den Bürgersteigen der historischen Altstadt aufgebrachte durchgängige grüne Markierung mit Richtungspfeilen, die von einer der 30 Sehenswürdigkeiten zur nächsten führt. An jedem interessanten Punkt (Bauwerk, Museum, Landschaft) steht zudem ein Schild mit ausführlichen mehrsprachigen Erläuterungen dessen, was man gerade anschaut.

So schlenderte ich gemütlich in der warmen Sonne durch die wunderschöne historische Altstadt Irkutsks und genoss die Gemütlichkeit der Stadt. Was mir direkt auffiel, war, daß in Irkutsk sowohl Autos mit dem Lenkrad links als auch rechts fuhren und, so schien es mir, in etwa ausgeglichener Anzahl. „Wahrscheinlich ist dies in ganz Russland so“, dachte ich mir, „nur ist es Dir bisher nicht so explizit aufgefallen“. Falsch gedacht! Dies ist in der Tat ein Phänomen in Ost-Russland, das ja bekanntlich näher an Japan liegt. Rechtslenkende Autos kommen nämlich alle aus Japan (Linksverkehr), wie mir die Dame im Touristenbüro auf meine Frage diesbezüglich hin mitteilte. Die „japanischen“ Autos in Deutschland hingegen sind entweder in Europa produziert oder auch in Asien aber speziell für den europäischen Markt. Aha, wieder was gelernt!

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Wie man’s auch dreht und wendet – überall Frauen 🙂

Als Abendessen gab’s heute ein wahres Festmahl, nach den ganzen Schmalspurmahlzeiten mit Tütensuppen & Co. in der Transsib und zwar echt russisch. Auf dem Speiseplan stand als Vorspeise Solyanka, eine würzige Fleischsuppe (ohne Suppe geht halt nichts in Russland), varyonaya kartoshka (gekochte Kartoffeln mit Kräutern und Butter) mit myasnaya und ribnaya katleta (Fleisch- und Fisch-Frikadelle), dazu eingelegtes Gemüse, den russischen Namen dafür kenne ich leider nicht. Köstlich!

Also, nachdem, was ich bisher feststellen durfte, ist Irkutsk durch seine reizvolle Lage an der Angara, übrigens der einzige Fluß, der aus dem Baikalsee abfließt, und durch seine historische Altstadt mit vielen wunderschönen historischen Bauten (siehe Fotos) wirklich eine Perle und zudem nicht so hektisch, wie die Großstädte. Mir gefällt es hier sehr gut und ich bin froh, daß ich entschieden habe, fast 5 Tage hier zu bleiben, auch um ausgiebige Wanderungen am Baikalsee zu unternehmen. Dazu mehr im nächsten Beitrag.

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