Es ist schon sehr auffallend, wie sehr der Tourismus und die temporäre Anwesenheit von „reichen“ Menschen, Inder wie Ausländer, das Verhalten der Bevölkerung eines Landes prägen kann. War es in Varanasi noch recht angenehm, durch die Stadt zu spazieren, wurde dies selbst im beschaulichen Khajuraho schon wesentlich unangenehmer und erreichte in Agra, Delhi und vor allem in Jaipur ungeahnte Höhen an penetrantem bis hin zu agressivem Anbiedern dubiosester „Leistungen“.
Das Schlimme dabei ist, daß selbst die Kinder von jungen Jahren an lernen, sich zu verkaufen. Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden aber die Art und Weise ist erschreckend. Ich wurde mehrfach von Schnöseln, die vielleicht gerade mal so alt waren wie mein Julian, beschimpft, angerempelt, gezogen oder mit Wasser bespritzt, nur weil ich gerade keine Lust hatte, mich mit ihnen entgeltlich fotografieren zu lassen oder für eine Frage nach dem Weg zur Toilette einer 20-Rupees-Forderung nachzukommen. Die Verhältnismäßigkeit geht diesen Kindern völlig flöten, wenn man dem nachgibt, was sicher viele Reisende eingeschüchtert tun. Von 20 Rupees (= 25 Cent) müssen sich nicht wenige Menschen in Indien einen Tag ernähren! Das diese Kinder als Erwachsene ebenso agieren, ist nur allzu sonnenklar.
Was ich mit diesem Beispiel sagen will, ist, daß Tourismus in Drittwelt- bzw. Schwellenland für viele Bereiche eine unheilvolle Symbiose darstellt, der man mit bewusstem Handeln begegnen muß. Und die positiven Seiten sind auch nur dann welche, wenn man bewußt handelt und sich über die Probleme im Klaren ist.
Aus meiner Sicht und meinen Erlebnissen führt der (Fern-)Tourismus in Dritte-Welt- und Schwellenländer sehr oft zu einem Kulturverfall. Das habe ich auf allen Kontinenten dieser Welt erleben dürfen und hier in Indien ist es nicht anders. Damit einhergehend stelle ich zunehmend eine Verwestlichung der Sitten, Verfall von Brauchtum, Orientierungslosigkeit und eine Kommerzialisierung von Traditionen fest.
Durch den Tourismus erleben die Einheimischen hautnah, dass man in der westlichen Industriegesellschaft offenbar leicht zu großem Wohlstand gelangen kann. Deshalb hat für sie das Verhalten der Fremden Vorbildcharakter, im Guten wie im Schlechten. Da zumindest dem äußeren Anschein nach bei dieser Lebensweise Sitten, Brauchtum und feste Rituale als veraltet und blockierend gelten, geht mit der Verwestlichung der Sitten auch der Verfall von Brauchtum einher. Dies muss als äußerst bedenklich eingestuft werden, da nicht nur eine uralte und hochentwickelte Kultur untergeht, sondern auch schlechte Gewohnheiten und Eigenschaften wie falsche Ernährung und damit verbundene Krankheiten, Alkoholgenuss sowie eine rein materialistische Sicht der Dinge übernommen werden. Außerdem wird sich nach kurzer Zeit Orientierungslosigkeit einstellen, da man in keiner Kultur mehr richtig verhaftet ist. Diese Entwurzelung kann im schlimmsten Fall sogar zu radikalen Verhaltensweisen wie religiösem Fanatismus führen, der eine Rückbesinnung auf überkommene Werte anstrebt. Die Kultur jedoch bleibt zerstört und ist wie in den Industrienationen kommerzialisiert oder als Zerrbild bei Tourismus fördernden Folkloreveranstaltungen (siehe unten: Tourismus-Soap) zu sehen.
Auf andere Themen, die in diesem Zusammenhang diskussionswürdig sind, gehe ich hier gar nicht näher ein, das würde den Rahmen und den Zweck dieses Blogs sprengen. Mir reicht es, wenn ich mit ein paar kritischen Zeilen zum Nachdenken anrege und für die Probleme sensibilisiere. Der Vollständigkeit halber sollen die wichtigsten Problemfelder jedoch kurz genannt werden …
– sexuelle und monetäre Ausbeutung
– Vorspiegelung einer trügerischen, nicht reellen Idylle (Tourismus-Soap)
– Krankheitstransfer
– Zwei- oder Mehr-Klassen-Gesellschaft
– ineffizienter, einseitiger wirtschaftlicher Aufbau
– Umweltbelastung
Die Praxis zeigt jedoch auch Möglichkeiten, den Tourismus sinnvoll zu nutzen. Der „sanfte“ Naturtourismus und der Kulturtourismus, bei denen tatsächliches Interesse an den Problemen des Landes zumindest ansatzweise vorhanden ist, will ich mal als Beispiele anführen. Damit derartige Versuche Schule machen und für die Veranstalter auch wirtschaftlich interessant werden, bedarf es des Verantwortungsbewusstseins des Einzelnen und der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. Der Verbraucher selbst kann zum Beispiel mit der Entscheidung gegen einen einwöchigen Badeurlaub zugunsten einer mehrwöchigen Reise zur Entdeckung von Land, Kultur und Natur einen eigenen Beitrag zur Völkerverständigung und zum kulturellen Erhalt leisten. Die führenden Köpfe in Wirtschaft und Politik sollten die neuen Konzepte fördern und verstärkt wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit anstreben. Dazu gehört allerdings auch der Verzicht auf wirtschaftlichen und nationalen Egoismus sowie einseitigen Lobbyismus.
Solange die Triebkraft des westlichen Tourismus die schnelle, preiswerte und sorglose Entspannung vor exotischer Kulisse ist, wird es schwer sein, die Dominanz der negativen Aspekte zurückzudrängen. Wenn wir aber erkennen, wie zerstörerisch diese Haltung ist und wie schützenswert die Einmaligkeit und Vielfältigkeit der Länder der Dritten Welt ist, werden wir Tourismuskonzepte entwickeln können, die den positiven Aspekten zum Erfolg verhelfen.
Zurück in die unmittelbare Gegenwart. Das Gute ist, je weiter man sich aus den touristischen Ballungszentren entfernt, desto angenehmer und authentischer wird es auch wieder. Hier im ursprünglichen Rajasthan, in Jodhpur oder in Jaisalmer in der Thar-Wüste an der pakistanischen Grenze, sind die Menschen wieder primär an mir als exotischem Wessie mit blonden (bzw. grauen) Haaren interessiert. „Das ist okay,“ denke ich, „das kenne ich ja schon von meinem Lieblingsvölkchen, den Chinesen …“ und lasse mich oft und gerne fotografieren. Vielleicht sollte ich das auch kommerziell betreiben und meine Urlaubskasse aufbessern, denn der Inder, der eine Kamera hat, hat auch Geld … „Wanna take a picture with me? 20 Rupees, please!“