Herausforderung Indien

Alles in Allem sind die Inder irgendwie schräg aber ich habe sie mittlerweile lieb gewonnen. Man muß ihre Eigenarten akzeptieren und damit umgehen lernen, dann ist alles gut. Sicher geht auch mir mal die Hutschnur hoch, wenn ich von dem permanenten Angequatsche irgendwann genervt bin. Das passiert. Aber Inder sind nicht nachtragend … ich auch nicht. Also trinkt man danach zusammen einen Chai Latte und läßt sich anschließend weiter volltexten.

Irgendwo hatte ich mal gelesen, daß man sich zum Einstieg in das individuelle Reisen als Rucksack-Traveller möglichst nicht Indien aussuchen solle … jetzt weiß ich warum! Selbst mir als jahrzehntelang erfahrenem Individualreisenden haben sich hier neue Dimensionen an Herausforderungen auf fast allen Gebieten des Reisens aufgetan. Indien ist in der Tat nicht einfach zu bereisen, Erfahrung schadet hier nicht aber letztlich wächst man mit seinen Aufgaben. Also weiter Nuri, ihn habe ich irgendwann im Zug kennen gelernt. Er ist 66 Jahre, aus Finnland und „auf Probe“ in Indien unterwegs. Er konnte aus familiären Gründen die letzten Jahrzehnte nicht mehr wie früher mit dem Rucksack reisen und hat sich Indien für einen Neueinstieg ausgesucht. Nun, wenn er die Probe besteht, kann er getrost weiter mit dem Rucksack um die Welt tingeln bis er 80 ist.

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Nepal hoch zehn

Das war mein erster und sich bisher verfestigender Eindruck von Indien. Nepal ist Indien in klein oder anders herum, Indien ist Nepal in groß. In Indien haben die Ausführungen über Nepal gleichen Bestand, nur in ganz anderen Dimensionen. In diesem Land gibt es noch krassere soziale Unterschiede, die Armut ist allgegenwärtig und steht im vollkommenen Kontrast zu den grandiosen Monumenten und Schönheiten, die dieses faszinierende Land zu bieten hat. Die Städte sind extrem geschäftig, voll, laut und dreckig, der Verkehr ist wie in Nepal total chaotisch, nur in ganz anderen Größenordnungen, was die Menge der diversen Fahrzeuge, Abgas-Emissionen und menschlichen Leiber angeht. Ich befürchte, mein Reizhusten wird hier neue Nahrung bekommen :-(.

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für die „heiligen Kühe“ ist der Müll ein „gefundenes Fressen“

Einen signifikanten Unterschied zu Nepal stellen die Menschen und ihr Verhalten dar, das wurde schon direkt nach dem Überqueren der Grenze deutlich. Man wird von jedem angeglotzt, ja angestarrt, intensiv und durchdringend, verfolgend bis man aus dem Sichtfeld verschwunden ist. Das hatte ich dermaßen intensiv noch nirgends erlebt, es war ungewohnt und am Anfang unangenehm, ich fühlte mich unaufhörlich und penetrant beobachtet. Aber ich kann euch beruhigen, das legt sich nach ein paar Tagen, man macht sich ein Spiel daraus und nimmt es irgendwann nicht mehr bewußt zur Kenntnis, sondern ignoriert es einfach. Sonnenbrille auf und weiter laufen … Gleiches gilt für die nächste Stufe des interkulturellen Interesses, nämlich an dem Geld des weißen Mannes. Gefühlt ungefähr jeder der 1,2 Milliarden Inder will Dir irgendwas verkaufen, Ware oder Dienstleistung, unaufhörlich, sobald Du Dich aus Deiner Unterkunft hinaus in die freie Wildbahn wagst. „Water? Rikscha? Tuk-Tuk?“, so oder so ähnlich schallt es sekündlich aus einer der 1,2 Milliarden Kehlen. Ignorieren hilft auch hier. Das erscheint zunächst unhöflich, ist aber die einzige Chance, etwas zu sehen und zu erleben. Andernfalls ist man den lieben langen Tag damit beschäftigt, zu erklären, warum man gerade keine Lust hat, das fünfhundertste Wasser zu kaufen und das es keinen Sinn macht, ein Tuk-Tuk irgendwohin zu nehmen, wenn man gerade in der Eingangsschlange zum Taj Mahal steht.

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manchmal weiß man nicht, lebt dieser Mensch noch oder ist er bereits tot … es bedarf jedenfalls starker Nerven, dieses Elend mit anzusehen

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Border-Crossing

Der gemeine Inder ist ein Bürokratie-Hengst und was Vorschriften angeht übergenau. Ein Relikt der angelsächsischen Kolonialisierung, so könnte man böswillig argumentieren.

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mit der Rikscha zur Grenze

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ich war entspannt … der Rikscha-Fahrer weniger

Ich war also mit Rucksack, Rikscha und per pedes unterwegs, um die Grenze in das gelobte Land zu überqueren, und somit war ich wohl automatisch des Schmuggels verdächtig. Vor der indischen Grenze stand ein normaler Tisch mitten auf der Straße, drum herum Zollbedienstete … und genau auf diesem Tisch durfte ich dann den Inhalt meines gesamten Rucksacks allen Passanten und natürlich auch dem Zoll offenbaren, von der Unterhose bis zur Zahnbürste … dabei hatte ich ihn gerade so schön für die Weiterreise gepackt. Naja, ich war ja vom Meditieren entspannt und froh darüber, denn irgendwie ahnte ich schon, daß ich diese Gelassenheit und innere Ruhe in den kommenden Tagen und Wochen noch gut gebrauchen kann …

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Montessori-Schulen gibt’s überall – sogar an der nepalesisch/indischen Grenze

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Foto-Update

Hallo ihr Lieben,

ich war mal wieder fleißig und habe heute die ersten Indien-Fotos der letzten paar Tage bis einschließlich heute hoch geladen, die Foto-Galerie ist demnach up-to-date.

Ihr seht dort …

… Varanasi, die heiligste Stadt der Hindus am Ganges

… Khajuraho mit den grandiosen Kamasutra-Tempeln aus dem 9. Jahrhundert n.Chr.

Enjoy …

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Sinnhaftigkeit einer Langzeitreise

Reisen bildet, das ist zwar ein platter Spruch, doch wie kann man besser in zwei Worten ausdrücken, was Fakt ist, sofern man Reisen nicht mit Ballermann 6 gleichsetzt. Ich habe vor ein paar Wochen mal angefangen, eine Liste mit Gründen zu erstellen, warum eine Langzeitreise sinnvoll ist, und diese nach und nach ergänzt. Bisher sind mir 22 Argumente eingefallen … to be continued …

Auf einer Langzeitreise wird man lernen, …

… daß alleine sein nicht weh tut

… daß egal, wie fremd das Land ist, es auch immer etwas Vertrautes gibt

… sich auf sich selbst zu verlassen

… daß Vorurteile genau das sind: Vorurteile!

… sich nicht über jede Kleinigkeit aufzuregen

…. was vollkommen zu entspannen eigentlich bedeutet

…. daß sich manche Erfahrungen nicht mit der Kamera festhalten lassen

… daß es nicht darum geht, wieviele Orte man besucht

…. ganz besondere Momente ganz alleine zu geniessen

…. mit weniger Besitz auszukommen, als man sich je vorstellen konnte

… offen auf Menschen zuzugehen

… daß selbst Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen genauso sind wie man selber

… daß alleine sein und einsam sein nicht dasselbe ist

…. zu seinen Fehlern zu stehen (da niemand da ist, auf den man sie schieben könnte)

… Negatives bei der Weiterreise einfach hinter sich zu lassen

… loszulassen

… Momente mehr zu schätzen als Besitz

… daß Bildung nicht automatisch der Schlüssel zum Erfolg ist

… was einen selber wirklich glücklich macht

… auf sich selbst aufzupassen

… Freundschaften ganz neu zu betrachten

… daß die „richtige“ Art zu reisen nicht existiert

Und als wären das nicht schon genug triftige Beweggründe, den Rucksack zu packen, gibt es da auch noch die sogenannten „Soft-Skills“, die „weichen Fähigkeiten“, die auf einer Langzeitreise tagtäglich auf’s Neue trainiert werden:

– interkulturelle Verhaltensregeln und Kommunikation (auch ohne gegenseitige Sprachkenntnisse)

– englisch und/oder weitere Fremdsprachen

– Teamfähigkeit

– Konfliktfähigkeit

– Durchsetzungsstärke

– Selbstbewußtsein

– Souveränität

– Gelassenheit

– Durchhaltevermögen

– Entscheidungsfreudigkeit

– Flexibilität

– Toleranz

– soziale Kompetenz

Ich persönlich betrachte Reisen, egal, ob lang oder kurz, IMMER mit dem kostenlosen Mehrwert einer Weiterbildungsmaßnahme in Bezug auf Fähigkeiten, die jedem Menschen im Leben allgemein und im Beruf im Speziellen nicht schaden können. Mal ehrlich, welcher Personalleiter, dem Du den Zweck Deiner Langzeitreise mit den oben genannten Argumenten deutlich machst, wird Dich nicht vom Fleck weg einstellen? Denn Reisen bildet tatsächlich …

So, ab heute ist Ende mit Meditation, morgens geht es mit Rucksack und  Rikscha zur Grenze und auf in das Abenteuer Indien. Mit dem Zug geht es zu meiner ersten Station, Varanasi, der heiligsten Stadt Indiens am heiligen Fluß Ganges gelegen. Es erwarten euch in den nächsten Tagen also wieder interessante und spannende Reiseberichte aus Bollywood …

Enjoy …

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Gefragte Management-Skills unserer globalisierten 24×7-Welt

Nicht, daß ihr glaubt, ich hätte etwas gegen die Globalisierung und 24-Stunden-7-Tage-die-Woche-Erreichbarkeit, nein, ganz im Gegenteil. Diese Entwicklungen erhöhen die Produktivität und folglich die Profitabilität global agierender Unternehmen, sofern kostenseitig vernünftig gewirtschaftet wird. Dies wiederum kommt der Volkswirtschaft und letzten Endes uns allen zugute, da der Wohlstand der Bürger steigt. Zumindest für diejenigen unter uns, die an der (Volks-)Wirtschaft partizipieren. Alle anderen haben es sowieso schwer, egal ob globalisierte Welt und steigende Unternehmensgewinne oder nicht. Die Wohlhabenden werden immer wohlhabender und die Armen immer ärmer, das war schon immer so aber mittlerweile ist das kein alleiniges Problem der Drittwelt- und Schwellenländer mehr, ganz im Gegenteil, die Schere geht auch in den vermeintlichen Wohlstandsstaaten immer weiter auseinander. Diejenigen unter uns, denen Wohlstand wichtig ist, wird der oben genannte Sachverhalt freuen, da sie immer wohlhabender werden. Aber darum soll es hier eigentlich nicht gehen, ich will ja nicht als Sozialkritiker in die Annalen eingehen. Die Frage ist vielmehr, welchen Preis jeder Einzelne für mehr Wohlstand zu zahlen bereit ist. Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will, die Medien sind ja voll von Burn-Out- und Depressionsthemen, deshalb verzichte ich auf weitere Detaillierungen hierzu …

Die entscheidende Frage ist, wie reagieren Volkswirtschaften auf diesen unübersehbaren Trend zur gesundheitlichen Gefährdung des wichtigsten Produktionsmittel, des Menschen, insbesondere in leitender Funktion, jedoch genauso am Fließband? Immerhin hat bereits heute jede vierte Berufsunfähigkeit psychische Ursachen, Tendenz steigend. Das ist sicher kein Zufall. Antwort: größtenteils gar nicht. Das ist meine bescheidene Erfahrung, insbesondere im Mittelstand. Dort wird das Thema tot geschwiegen oder lächerlich gemacht, getreu dem Motto, so lange meine Mitarbeiter das sowohl qualitativ als auch quantitativ steigende Arbeitspensum schaffen, ist doch alles gut, andernfalls wird halt frisches Personal gesucht. Personaldienstleister sollte man werden, scheint eine boomende Zukunftsbranche zu sein, obwohl, wahrscheinlich doch eher nicht. Der demographische Wandel wird’s richten. Gut ausgebildete, fachlich qualifizierte Menschen mittleren Alters mit entsprechender Berufserfahrung sind bereits heute heiß begehrt, sofern sie nicht schon „verbrannt“ wurden. Der Personalmarkt wird sich weiter signifikant wandeln, vom Arbeitgeber- hin zu einem Arbeitnehmermarkt. Auf der Strecke bleiben dann die oben genannten Unternehmen, die sich fragen sollten, was sie wollen – kurzfristigen (und zudem fraglichen) Erfolg oder langfristig leistungsfähige Mitarbeiter als entscheidende Basis anhaltenden wirtschaftlichen Erfolgs.

Was hat das mit der Überschrift dieses Beitrags zu tun, werdet ihr euch fragen. Eine Menge! Denn die Wirtschaft in Mitteleuropa hat die Zeichen der Zeit offensichtlich noch nicht verstanden, in den USA ist das ganz anders, dort ist man (wieder einmal) der Vorreiter. Das Motto lautet Eigeninitiative. Selbstverantwortliche Mitarbeiter sind, wie der Name suggeriert, für sich und ihr Wohlbefinden selbst verantwortlich und ergreifen die (Eigen-)Initiative. Mentaler Ausgleich und Stressprävention wird mehr und mehr zum Einstellungskriterium und ist bereits heute ein Rekrutierungsvorteil für vorausschauend agierende Bewerber, insbesondere auf Managementpositionen.

Ich sprach von der Vorreiterrolle der USA. Dort müssen sich Manager mittlerweile schon rechtfertigen, wenn sie nicht meditieren. Meditation ist dort ein großer Trend und schon viel verbreiteter als hierzulande. Es ist auch leichter zugänglich als etwa bei uns: Es gibt zum Beispiel vielerorts Meditationszentren, so wie es hier Yoga-Studios gibt. Dazu kommen zahllose Angebote etwa an Schulen, Universitäten, Kliniken sowie in Unternehmen der freien Wirtschaft. Selbst hier in Lumbini im Meditationszentrum stellen die US-Bürger den mit Abstand größten Anteil der Langzeit-Meditierenden dar.

Nun schließt sich der Kreis allmählich und so langsam wird hoffentlich deutlich, daß meine Langzeitreise nur bedingt eine Spaßveranstaltung ist, da steckt sehr viel Sinn sowie eine Strategie dahinter und sie ist mit Zielen verbunden. Eins davon ist der oben genannte Wettbewerbsvorteil bei der Suche nach einer interessanten beruflichen Herausforderung nach meiner Rückkehr. Ist ja in meinem Alter nicht ganz so verkehrt, einen kleinen Vorsprung zu haben …

Es gibt sogar eine noch radikalere Idee, bei der ihr gleich denken werdet: „der Scheffer hat sie nicht mehr alle, der ist immer noch höhenkrank“! Weit gefehlt. Die Idee ist ja nicht von mir, ich hab sie nur im „GEO Wissen“ gelesen und sie passt nur zu gut hier rein.

Man stelle sich vor, der Ami will durch Meditation eigentlich gar keine wettbewerbs- und stressresistenten Mutanten heran züchten, nein, ganz im Gegenteil. Eine bewiesene wissenschaftliche These sagt aus, das jene Hirnareale, die für Zuwendung und Fürsorge zuständig sind, sich durch gezieltes mentales Training verstärken lassen. So weit, so gut. Aber jetzt kommt’s: Solche Erkenntnisse können nicht nur dem Einzelnen helfen, sondern sehr wahrscheinlich sogar Politikern und Managern eine andere Haltung vermitteln – sie etwa dazu bewegen, über Alternativen zu einem wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystem, die verstärkt auf Mitgefühl und Altruismus beruhen, nachzudenken. Das ist doch mal revolutionär … man spinne das mal weiter …

Und das ist längst mehr als nur eine idealistische Utopie. Mit dem renommierten und jeder Esoterik unverdächtigen Kieler Institut für Weltwirtschaft hat die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, Tania Singer, das Forschungsprogramm „Caring Economics“ gegründet, das Voraussetzungen für eine alternative Ökonomie erkunden soll. Könnte man unser Wirtschaftssystem durch spirituelle Techniken verändern, würde aus dem Homo oeconomicus ein Homo relationis, ein beziehungsfähiger Mensch, für den Selbstlosigkeit verstärkt im Zentrum wirtschaftlichen Handelns stünde. Also ich finde, das hat wirklich was und vielleicht ist der Ami hier wieder auf der Überholspur unterwegs. Vom Auto und dem Computer hat man schließlich  auch gedacht, das ist nur was für Spinner und das wird sich nie durchsetzen … nur, die Revolutionäre, die daran geglaubt haben, sind heute reiche Spinner …

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Vom Jäger zum Gejagten

Das mir das mal passieren würde, hätte ich auch nicht gedacht – obwohl – in China und Tibet war ich auch des öfteren als (westliches und damit exotisches) Fotomotiv erwünscht. Man wird einfach auf der Strasse angesprochen … so zum Beispiel in Xi’an. Ich saß zur Mittagszeit auf einer Parkbank in der Innenstadt, da kam ein Mann gehobenerer gesellschaftlicher Stellung mit seinem Sohn zu mir und fragte, ob sein Sohn sich mit mir unterhalten dürfe, er lerne ja gerade englisch. „Gut“, dachte ich, „Du magst ja Kinder und bist an ihrer sprachlichen und interkulturellen Entwicklung interessiert“. Ich hatte bereits 2010 in Kambodscha einige Tage an einem Volunteer-Programm teilgenommen und mit kambodschanischen Kindern englisch und Computer gelernt. Naja, Letzteres war eher ein Spielen aber durch Spielen lernt man ja angeblich. Nun, so richtig englisch konnte der Kurze nicht wirklich, sein Vater sagte ihm die Fragen vor und er plapperte sie nach. Ob er deren Inhalt wirklich verstand, bezweifle ich. Zumindest gab er keine Antwort, als ich ihn zurück fragte, wie er heißt und wie alt er ist. Sei’s drum, seinem Pa ging’s sowieso nur sekundär um die Sprache, primär schoss er nämlich von mir und seinem Sohn reihenweise Fotos. Als er seiner Ansicht nach genug hatte, schnappte er sich seinen Sohn und verschwand … dabei hatte ich noch so viele Fragen an den Kleinen … Ich sag ja, alles Egoisten, die Chinesen …

Nun laufe ich hier am Sonntagnachmittag im Kloster meditierend auf und ab, da kommt plötzlich, na was wohl, eine Reisegruppe Chinesen zusammen mit zwei unserer Ordens-Mönche zum Sightseeing in unsere heiligen (und stillen) Hallen und Gärten. Naja, wenn die alle so englisch lernen, wie der Kurze in Xi’an, war mir klar, warum sie die massig vorhandenen Schilder „silence please“ nicht verstanden … das dies ein Kloster ist und hier in absoluter Stille meditiert wird, schien die nicht zu interessieren – ebensowenig, wie das Fotografierverbot. „Egal,“ dachte ich, obwohl ich nicht denken sollte, „Du nimmst, also kannst Du auch geben, ganz so, wie es der Herr predigt.“ Also gab ich, massenhaft, Fotos vom meditierenden Jenko.

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Wer englisch kann ist klar im Vorteil …

Was lernen wir daraus? Selbst ohne Facebook-Account ist man nicht davor gefeit, seine Fotos ebendort wieder zu finden … sofern die Chinesen irgendwann einmal Zugang dazu bekommen sollten. Unterschrift der Fotos wird dann entweder „Mein Freund der Wessie“ (Junge aus Xi’an) oder „Umdenkprozess, Wessies suchen den Weltfrieden“ (Gruppe im Kloster) sein. Hoffentlich findet mich da kein potentieller Personalleiter, bei dem ich mich mal bewerbe, die meisten Unternehmen sind nämlich an allem interessiert, nur nicht an einem Friedensbotschafter als Manager – an Meditations- und Selbstreflektions-Skills sowie Manager, die autark in der Lage sind, sich mentalen Ausgleich zu den Anforderungen der heutigen Geschäftswelt zu schaffen, dagegen sehr wohl – aber das ist eine andere Geschichte, die ich später erzähle …

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Meditation ist individuell

Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, daß Meditation sehr individuell ist. Aus meiner Sicht können die „alten“ Vorstellungen von Meditation durchaus eine Aktualisierung erfahren, ich definiere Meditation mittlerweile anders. Man muß keinesfalls in einer Yogahaltung bzw. im Schneidersitz unter einem Baum sitzen, um dies Meditation nennen zu können. Das ist nur einer der Wege und er ist vielleicht für ein paar Leute geeignet, aber sicher nicht für alle, zum Beispiel nicht für mich. Meditation ist individuell und kann sich auch durch andere Praktiken, wie joggen, schwimmen oder andere Ausdauersportarten entfalten.

Wenn Meditation nur eine starre Struktur anbietet, wird das lediglich für ein paar Leute passen. In den Erfahrungsberichten, die ich gelesen habe, war das eines der Probleme: starre Strukturen der Meditation, nicht fließend, festgelegt, so dass sie für bestimmte Leute passen und alle anderen wurden im Dunkeln gelassen. Das kann nicht im Sinne des Erfinders, im Sinne Buddhas sein.

Für ein kleines Kind beispielsweise wäre die althergebrachte Meditationsform, sitzend und ohne Bewegung, reine Folter. Für einen lebendigen jungen Menschen, der vor Leben sprüht, wäre es Unterdrückung, nicht Meditation. Um etwas durch Ausdauer und Disziplin erfolgreich tun zu können, ist Spaß und Freude an der Sache notwendig. Geduld, Ausdauer und (Selbst-)Disziplin sind unabdingbare Voraussetzungen für Meditationserfolg.

Für mich stellt es ebenfalls keinerlei Freude dar, konzentriert und nichtstuend stundenlang im Schneidersitz meine Atmung zu beobachten, das habe ich festgestellt. Geduld ist zudem nicht wirklich meine Stärke, außerdem habe ich Hummeln im Hintern, ruhig sitzen und nichts tun ist auch für mich eine Folter … jaja, fragt ruhig meine liebe Mama. Nicht umsonst lag mir in den Tagen hier die gehende Meditation viel mehr, als die sitzende. Dafür bin ich jedoch ungemein ausdauernd und habe enormen Ehrgeiz.

Die Lösung ist meines Erachtens ganz einfach, sie liegt in der oben genannten Individualität der für einen Meditationserfolg notwendigen Bausteine. Die Bausteine Ausdauer und Ehrgeiz bringe ich mit, fehlende Geduld und unbedingtes Aktivitätsbedürfnis kompensiere ich durch zukünftige Bewegungsmeditation im Rahmen der Aktivitäten, die ich gerne und mit Freude tue, joggen, schwimmen und Mountainbike fahren. Ergänzt wird das ganze durch eine regelmäßige Sitzmeditation in einer Größenordnung von 15 Minuten. Es kommt nämlich vielmehr auf die Regelmäßigkeit an, denn auf die Dauer des Innehaltens. Dadurch stehen alle Komponenten im Einklang und ich denke, daß diese Kombination für mich individuell gesehen der erfolgsversprechendste Ansatz ist.

Was für mich gilt, gilt auch generell für jeden Anderen. Joggen, Tanzen, Schwimmen, das alles kann eine Meditation sein. Meine Definition von Meditation ist: wann immer dein Körper, dein Geist und deine Seele in Einklang sind, ist es Meditation, weil es das Vierte ins Spiel bringt, Freude, Spaß und Bewusstsein. Und wenn Du Dir darüber im Klaren bist, daß Du es nicht tust, um an den Olympischen Spielen teilzunehmen, sondern als Meditation, dann hat das eine ungeheure Qualität.

Der Gedanke ist übrigens nicht neu, nachdem mir das in den Sinn gekommen ist, habe ich mal gegoogelt:

http://www.tagesspiegel.de/sport/wissenschaftliche-erkenntnisse-laufen-ist-wie-beten/1602628.html

Und das Ganze ist sogar wissenschaftlich belegt, denn Forscher aus Coburg haben erstaunliche Parallelen gefunden: Sowohl beim Joggen als auch beim Meditieren wird im Körper unter anderem die Verbindung Stickstoffmonoxid freigesetzt. Sie setzt Stresshormone außer Gefecht. Demnach können beide Wege in die Entspannung führen, sowohl Meditation als auch Laufen.

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Das flexible Ich

Der Körper ist meiner Meinung nach nur deswegen für die Konzentrationsübungen bei der Meditation geeignet, weil er uns für die Empfindungen im Hier und Jetzt öffnet und damit ein Schlüssel zur Achtsamkeit ist.

Ein flexibles Ich, das Gedanken zulassen oder ablehnen kann, ist wichtig, da Denken in vielen Situationen notwendig und hilfreich ist. Das „Ich“ ist eigentlich nur eine Hilfskonstruktion des Gehirns, der springende Punkt ist meiner Meinung nach, daß wir zwar Individuen sind aber dennoch eine Einheit ergeben mit dem was uns umgibt. Das gilt ebenso für den Menschen als Ganzes. Wir haben einzelne Bereiche, wie unsere Gedanken, Gefühle und Motorik, jedoch bedingen sie sich immer gegenseitig und ergeben eine Einheit. Da Gedanken wohl von allen Faktoren die größte suggestive Wirkung haben, ist eben ein aktives Beobachten, Zustimmen und Ablehnen so essentiell. Um wirklich zu begreifen, daß sowohl das Teil als auch das Ganze eine Rolle spielt, hat mir folgende Metapher aus einem Buch geholfen, das ich hier geliehen habe: „Wir sind wie Meereswellen. Jede hat ihre eigene Ausprägung, entsteht aber innerhalb eines Ozeans, mit dem sie untrennbar verknüpft ist, aus diesem auftaucht und in den sie wieder eintaucht, ein Ozean, der gewissermaßen aus dem „Stoff“ seiner individuellen Wellen gemacht ist und sich auf eine Weise ausdrückt, die unser Verständnis letztendlich übersteigt.“ (Quelle: „Gesund durch Meditation“ von Jon-Kabat-Zinn).

Um mir die Zeitlosigkeit zu vergegenwärtigen, halte ich mir oft vor, dass das Hier und Jetzt das einzige ist, was materiell wirklich existiert. Trotzdem ist die Gegenwart nicht von der Vergangenheit und der Zukunft zu trennen, da im jetzigen Moment die Vergangenheit erst zum Vergangenen wird und die Zukunft bereits beginnt. Ich benutze zur Hilfe manchmal die Suggestion: „Das Leben besteht aus Augenblicken“. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, zu begreifen, daß der Augenblick selbst zeitlos ist. Die Zeit entsteht erst in unserem Gehirn, indem wir dem Augenblick gedanklich die Vergangenheit und Zukunft hinzufügen. Eigentlich leben wir nur im Augenblick und damit immer nur in der Zeitlosigkeit.

In gewisser Hinsicht steht die leicht passive Achtsamkeit der östlichen Philosophie gar im Gegensatz zu meinen Erkenntnissen der letzten Jahre aus der westlichen Psychologie über den konstruktiven Umgang mit der suggestiven Kraft der Gedanken und Vorstellungen. Beides hat für mich Vor- und Nachteile und die Rolle eines aktiven Beobachters hilft dabei, beides in Einklang zu bringen. Durch regelmäßige Praxis lernt man auch, immer flexibler zu werden, z.B. passiver Beobachter bei der Meditation, aktiver beim Sport und das „normale“ Ich-Verständnis beim Nachdenken über den eigenen Standpunkt. Das haut schon jetzt nach ein paar Tagen Übung hin, erstaunlich oder? Allerdings haben die letzten Tage auch gezeigt, daß hier noch Raum zur Verbesserung ist, da ich manchmal schon merkte, wie ich fließend und spielerisch hin und her wechselte. Es ist wie so oft, die Theorie ist zwar hilfreich aber das Entscheidende ist die Praxis!

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Aller Anfang ist schwer

Meditation ist harte Arbeit! Zumindest für Novizen wie mich, die sich durch die ersten Tage quälen. Ernüchterung macht sich bei mir breit, dazu gesellt sich Frust und Demotivation. Ich lasse meine rational denkende Gehirnhälfte ran. „Das sind nur Deine Gedanken, die wollen nicht, daß Du das Ruder übernimmst!“, versuche ich mir einzureden. Das hatte ich mir jedenfalls irgendwie anders vorgestellt und dennoch, diese „Leidensphase“ ist durchaus typisch für Neulinge auf dem Gebiet der Meditation. Ich habe mir natürlich hier auch gleich das Hardcore-Programm ausgesucht … naja, so bin ich halt, wenn schon, denn schon.

Hardcore-Programm bedeutet vor allem Vollzeit-Meditation, 12-14 Stunden am Tag, ab 4.30 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Zu essen gibt es Frühstück ab 6 Uhr und Mittagessen ab 11 Uhr, vegetarisch versteht sich. Das war’s, ab 11.30 Uhr heißt es, von den Fettpolstern zehren. Wenn ich denn welche hätte. Ab spätestens 18 Uhr meldet sich bei mir logischerweise der Magen und ich versuche, ihn mit Wasser und Fruchtsäften zu trösten … vergeblich. Folglich geht es regelmäßig mit knurrendem Magen in die Heia.

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Sitz-Meditation … immer im 60-minütigen Wechsel mit der Geh-Meditation

Ein Hardcore-Programm ist das, was ich tue aber auch mental. Ich habe 7 Wochen Reise hinter mir mit tausenden von Eindrücken in kurzer Zeit, war quasi täglich an einem anderen Ort und zudem in Ländern, Regionen und Städten, die hektisch, laut und ungesund sind. Und nun, schwups, von einer Sekunde auf die andere habe ich das komplette Kontrastprogramm, absolute Ruhe und gesunde, ausgewogene Ernährung in einer paradiesischen Umgebung und purer Natur. Hatte ich vorher ständigen Kontakt zu meinen Mitmenschen und eine ganze Reihe von Bekanntschaften geschlossen, bin ich hier umfassend auf mich fokussiert, schweigend, alleine mit meinen Gedanken. Ich kann damit umgehen, weil ich beide Extreme und den Umgang damit kenne, genauso gut kann ich mir aber vorstellen, daß dieser Zustand anderen Menschen Angst bereitet. Wenn das kein Hardcore ist …

Was die ganze Angelegenheit noch schwieriger macht, sind die Rahmenbedingungen. Beim Meditieren wird selbstredend besonders Wert auf Achtsamkeit gelegt. Alle Bewegungen im Rahmen der sitzenden und auch der gehenden Meditation, wie auch sonst alle Aktivitäten, von Pinkeln gehen bis Zähne putzen, geschehen achtsam, also sehr langsam und mit Bedacht. Es gilt ja, die Meditationsobjekte zu beobachten und das kann man am besten, wenn man alles langsam tut und parallel seine Gedanken auf das Meditationsobjekt fokussiert. Leider ist man beim Meditieren jedoch nicht alleine, nein, man wird so von etwa einer gefühlten Milliarde von Moskitos umschwirrt, die es ganz toll findet, daß man sich langsam bewegt oder, wie bei der Sitz-Meditation, am besten garnicht … das macht das Blutsaugen einfacher. Ich fasse das nochmal zusammen: ich soll mich also mit meinen Gedanken ganz auf das Meditationsobjekt fokussieren, das Pi mal Daumen 12-14 Stunden durchgehend am Tag, sagt die Vipassana-Meditationsvorschrift, und lasse mich nebenbei schweigend und mit leerem Magen von einer Horde Moskitos malträtieren … ganz tolle Sache! Den Kollegen neben mir im Zimmer habe ich jedenfalls nur kurz gesehen, der hat vorhin seinen Rucksack gepackt und das Weite gesucht – Weichei!

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Kein Witz – hiermit werden Moskitos gefangen und artig nach draußen gebracht …

Nun, wie meditiert man richtig? Zunächst habe ich gelernt, dass es in der Meditation und generell wichtig ist, nicht gegen Gedanken anzukämpfen sondern sie als Ereignisse zu betrachten, die sich im Bewusstsein abspielen. Tut man das nicht, fällt es noch schwerer sie loszulassen. Also, Gedanken zulassen, registrieren, vorbeiziehen lassen und mit der Aufmerksamkeit wieder zum Konzentrationsobjekt zurück. Klingt einfach oder? Ist es aber nicht! Es ist sauschwer und anstrengend, sich die ganze Zeit auf ein Objekt zu konzentrieren, bei der sitzenden Meditation ist es in der Regel die Atmung, bei der gehenden der Gang an sich, das Auf und Ab des linken und rechten Beines.

Es erscheint mir vorteilhaft, zunächst einmal die Rolle eines passiven und neutralen Beobachters zu üben, um die nötige Distanz zu seinen Gedanken aufzubauen. Danach kann man zum aktiven Beobachter übergehen und seinen Gedanken zustimmen oder sie ablehnen. Wichtig ist, daß man diesen Moment übt. Irgendwann spürt man wohl intuitiv, wie es funktioniert, so weit bin ich aber noch nicht.

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Hier meditieren sogar die Katzen

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