Venedig des Ostens reloaded

Am Dienstag ging es auf einer Tagestour vom Mount Abu aus in die wohl schönste Stadt Rajasthans, in das Venedig des Ostens – Udaipur. Eigentlich dachte ich, ich wäre bereits zu Beginn meiner Reise in St. Petersburg im Venedig des Ostens gelandet aber offensichtlich ist der Begriff Osten relativ.

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wunderschöne ehemalige Residenzstadt der Maharajas – Udaipur

Bekannt geworden ist Udaipur vor allem durch den James Bond Film „Octopussy“ von 1982, der zum Teil im schwimmenden Seepalast, dem Lake Palace Hotel auf dem Lake Pichola, an dem Udaipur liegt, spielt. Udaipur hat sich bis heute den Charakter einer Residenzstadt bewahrt. Das Stadtbild wird seit 1570 vom Stadtpalast, der größten Palastanlage in ganz Rajasthan, beherrscht. Trotz der zahlreichen Anbauten wurde die architektonische Einheit innerhalb der schlichten Mauern hoch über dem Pichola-See gewahrt. Ein Großteil der Anlage dient heute als City Palace Museum und kann besichtigt werden.

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das City Palace Hotel im Pichola-See vor der Kulisse des Stadt-Palastes

Außerhalb der Palastanlage ist der Jagdish-Tempel sehenswert und vor allem der Pichola-See, auf dem ich eine schöne Bootsrundfahrt unternommen habe, während der sich viele wunderbare Blicke auf die Stadt und den Stadtpalast boten. Der zeitweise trockenfallende See wurde beim Bau der Stadt aufgestaut. Die zwei so entstandenen Inseln wurden zu Vergnügungsgärten. Auf der Insel Jagd Mandir aus dem 16. Jahrhundert ist heute ein schönes Ausflugslokal eingerichtet. Die Insel Jag Niwas beherbergt heute das bereits angesprochene Lake Palace Hotel.

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edles Ausflugslokal auf der Insel Jagd Mandir

Ein Vergnügen in Udaipur ist ein Bummel durch die Basare der Altstadt, während dem man lokalen Handwerkern bei der Arbeit zusehen kann. Lokale Besonderheiten sind Knüpfbatik, Emailleschmuck, Holzspielzeug, wunderschön gekleidete Marionetten sowie Kupfer- und Silberwaren.

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außerdem scheint es in Udaipur noch Unmengen an alten Nähmaschinen zu geben

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Hill Station

Nach insgesamt fünf Tagen in Jodhpur mit Abstecher nach Jaisalmer zog es mich am Sonntag weiter Richtung Osten nach Mount Abu, der einzigen Hill Station in Rajasthan. Hill Station bedeutet im indischen Sinne „Sommerfrische“, es sind Bergstationen, die den Indern aus den Städten im Sommer Zuflucht vor der drückenden Hitze im Tal bieten. Das 1.220 Meter hoch gelegene Mount Abu ist ein der Arvalli-Kette vorgelagertes Bergmassiv mit bis zu 1.722 Metern Höhe und mit herrlicher Aussicht auf eine malerische bewaldete Berglandschaft am Rande der Wüste.

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unten Wüste – oben sattes grün … Rajasthan ist kontrastreich

Mount Abu ist zudem ein uraltes Pilgerzentrum der Hindus und Jainas. Asketen ließen sich dort in der Wildnis nieder, um ihr Leben der Meditation zu widmen. Nun, „Heilige“ findet man zwar auch heute noch hier, jedoch ungleich mehr Urlauber aus den heißen Städten Nordindiens, die sich am beliebten Nakki-See, an dem Mount Abu liegt, abkühlen. Im Mount Abu Wildreservat gibt es u.a. Hirsche, Leoparden und Bären, man sollte demnach dort tunlichst nicht alleine wandern.

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Ausflugsziel Nakki-See

Hauptattraktion der Gegend ist einer der schönsten Jain-Tempel Rajasthans, der faszinierende Marmortempel von Dilwara, unweit von Mount Abu. Eigentlich herrscht dort Fotografierverbot aber … nun, ihr wisst schon … seht selbst …

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wie man Marmor so filigran bearbeiten kann, ist mir ein Rätsel

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vor allem mit den im 11. Jahrhundert vorhandenen Werkzeugen

Die einzigartige Steinbearbeitung aus dem 11. bis 13. Jahrhundert repräsentiert den Höhepunkt des Tempelbaus der Jainas. Nach Ansicht der Jainas wird die ursprünglich reine Seele durch den Kontakt mit der Materie, und dazu gehören sogar die Götter, verunreinigt und stumpft so der Wirklichkeit gegenüber ab. Um folglich die Wirklichkeit wiederzuerlangen, muß man alles Materielle ablegen. Dies soll durch die schmucklose Strenge der Jain-Skulpturen dargestellt werden.

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die Tempel sind übersät mit feinsten Skulpturen

Das hört sich alles ein wenig nach Buddhismus an und dem ist in der Tat so. Einer der Tirthankaras der Jain-Religion, Mahavira, war ein Zeitgenosse Buddhas und historischer Begründer des Jainismus. Enge Verknüpfungen der beiden Religionen sind belegt. Tirthankaras werden ebenfalls als erleuchtete Vorbilder verehrt, die den Kreislauf der Wiedergeburten überwunden haben und erlöst sind.

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Endspurt

Das letzte Wochenende auf dem indischen Subkontinent steht bevor und es steht primär im Zeichen von Ab- und Anreise … Abreise vom indischen Festland und Anreise auf die Andamanen und Nikobaren, der exotischen und noch weitgehend touristisch unbekannten Inselgruppe im Indischen Ozean. Wer ein tropisches Paradies abseits der Touristenströme mit wunderschönen naturbelassenen Sandstränden sowie dichtem Regenwald im Inselinneren sucht, der sollte die Andamanen und Nikobaren ins Auge fassen. Dort werde ich die kommenden knapp drei Wochen vornehmlich mit relaxen, tauchen und ein wenig trekking verbringen.

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Hier liegen die Andamanen und Nikobaren

Beach life ist angesagt, mein iPhone habe ich bereits mit Chillout-Musik beladen, es kann also los gehen. Und ganz ehrlich – nach den 2,5 Monaten intensivsten Reisens mit unzähligen Erlebnissen auf quasi allen Ebenen menschlicher Wahrnehmung bin ich jetzt auch langsam reif für die Insel(n). Reisen macht nämlich nicht nur ungemein Spaß und bildet, nein, es ermüdet auch. Deshalb muß man seinem Körper und Geist von Zeit zu Zeit eine Auszeit gönnen, eine Verschnaufpause, um all die Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten und Platz zu schaffen für den nächsten Input. Für mich sind die kommenden Wochen der entspannte und entspannende Abschluss traumhafter Erlebnisse auf einer traumhaften Reise durch einen der vielfältigsten Kontinente dieses Planeten. Ich will an dieser Stelle noch kein Abschluss-Plädoyer halten, deshalb stoppe ich hier auch und freue mich ganz einfach auf eine tropische Vorweihnachtszeit, die mir hoffentlich die Rückkehr in das kalte Mitteleuropa vereinfacht. Es wird schwer genug, aus diesem zeitlosen, selbstbestimmten Rhythmus der letzten Monate, dem zwanglosen Reisen und dem Gefühl der absoluten Freiheit zurück zu kehren in den Alltag.

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Radhanagar beach auf Havelock Island – beach of the year asia 2004 … Hier bin ich die ganze zweite Woche

Zunächst ging es am heutigen Donnerstag von Mount Abu nach Ahmedabad, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Gujarat. Von hier aus startet am frühen Samstagmorgen meine letzte Zugreise über 33 Stunden und 1.850 Kilometer nach Chennai, dem ehemaligen Madras. Für die Strecke habe ich mir mal die 1. Klasse zum Preis von sagenhaften 50 Euro gegönnt. Am Montagvormittag fliege ich dann von Chennai aus gut 2 Stunden nach Port Blair, der Hauptstadt der Andamanen und Nikobaren.

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Foto-Update

Hallo ihr Lieben,

ich war mal wieder fleißig und habe heute die nächsten Indien-Fotos der letzten paar Tage bis einschließlich heute hoch geladen, die Foto-Galerie ist demnach up-to-date.

Ihr seht dort …

… Jaisalmer mit dem Wüsten-Fort, inkl. Kamel-Wüstensafari

… Besuch eines Bishnoi-Dorfes

… die Hill Station Mount Abu mit den fantastischen Marmortempeln von Dilwara

… Udaipur, die schönste Stadt Rajasthans

Enjoy …

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Montezuma ist Inder

Wer sich individuell nach Indien begibt, rüstet meistens seine Reiseapotheke gut aus. Montezumas Rache hätte nämlich nicht nach einem aztekischen, sondern einem indischen Herrscher benannt werden sollen, denn Durchfall gehört zu den häufigsten Erkrankungen bei Indien-Reisenden, so leider auch bei mir.

Hat mein Magen den Mikroben in Russland, der Mongolei, in China, Tibet und Nepal noch Stand halten können, in Indien hat er keine Chance. Schuld daran ist meist das Wasser – nur die wenigsten Abwässer werden geklärt und verseuchen so Flüsse und Seen. Zwar benutze ich zusätzlich Entkeimungsflüssigkeit … aber wenn selbst das abgepackte Wasser verseucht ist, kann man sich nicht mehr rundum absichern.

Auch vor kulinarischen Versuchungen sollte man sich in Acht nehmen: Allzu verlockend ist der kühlende Milchshake, auch Lassi genannt, oder der duftende Chapati-Fladen am Straßenrand. Finger weg!

Der verweichlichte westliche Magen braucht einige Wochen, bis er den indischen Mikroben Paroli bieten kann. Danach allerdings zeigt er sich resistent gegen den Rest der Welt.

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Indian Railway

Bahnfahrten in Indien sind ein besonderes Erlebnis. Die Bahn ist ein „Traditionsbetrieb“, der unglaublich präzise funktioniert, betrachtet man die Größe des Landes und die Vielzahl an Verbindungen, selbst in kleinere Städte.

Klar muß man auch bei der Indian Railway wie bei allem in Indien die „indian flexible time“ zugrunde legen. Indische Zeit ist relativ, das bedeutet: Ein Treffen um 15 Uhr kann um 15 Uhr stattfinden – oder auch um 16 Uhr. Oder sogar noch später. Pünktlichkeit an sich mag keinen hohen Stellenwert haben – andererseits ist sie auch schwer einzufordern. Der indische Alltag ist voller Improvisationen, sodass es nicht unbedingt am mangelnden Willen der Menschen liegen muss, wenn sie erheblich später eintreffen als geplant.

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In indischen Zügen gibt es sogar extra „Wessie-Toiletten“

Für den westeuropäischen Besucher besonders frustrierend ist die „orientalische Geduld“, wenn man sie live miterlebt. Zum Beispiel, wenn der Überlandbus mitten in der Nacht zusammenbricht und man stundenlang auf Ersatz warten muss. Während Reisende in solchen Situationen leicht die Nerven verlieren, bleiben Inder stets gelassen – sie regen sich einfach nicht auf, sehr lobenswert!

Ebenso ist es auch beim Bahnfahren. Es gibt zwar grundsätzlich Abfahrts- und Ankunftszeiten der Züge, diese sind aber in der Regel Makulatur. Ich hatte nur ein-/zweimal das Erlebnis halbwegs pünktlich anzukommen, üblich sind Verspätungen zwischen 60 und 90 Minuten … oder auch 8 Stunden, wie mir eine Frau in Jodhpur verriet, die mit ihrem Sohn reiste. Ja, so ist Bahnfahren in Indien …

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Naja, da kann man schon mal 8 Stunden Verspätung haben …

Man fährt in Indien mit der Bahn zu Ticketpreisen, die so niedrig sind, dass ich mehrfach nachrechnen musste, bevor ich glaubte, dass kein Rechenfehler zu Grunde liegt. Daher sind die Züge auch meist schon Wochen im Voraus ausgebucht, vor allem die AC Sleeper Klassen 1-3, die man für seine Reisen unbedingt benutzen sollte. Es gibt zwar auch die Cattle Class ohne AC (Air Conditioning = Klimatisierung) und Sitzplatzreservierung, diese ist jedoch ausschließlich hartgesottenen Travellern, die hart im nehmen sind, zuzumuten. Ich hab da dankend abgelehnt, nachdem ich mir das Schauspiel mal live angeschaut habe. Da haut der Bahnhofs-Schaffner schon mal mit dem Knüppel in die Menge, die den Zug vor Stillstand mit Mann und Maus, diversem Getier und Säcken voller Gepäck (oder Teilen der letzten Ernte) besteigen will, um einen Platz in den hoffnungslos überfüllten Waggons zu ergattern … so erlebt in Varanasi, sehr cooles Schauspiel …

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Die Sleeper-Klasse ist unbedingt zu bevorzugen …

Eine besonderes Vergnügen ist es, die Tickets über Internet zu bestellen. Nutzt man seinen zuvor angelegten Benutzerzugang, hat man Einblick in den Fahrplan, alle Klassen und die Anzahl der noch buchbaren Plätze … die Bezahlung erfolgt mittels Kreditkarte und eine Rückerstattung bei rechtzeitigem Storno ist ebenfalls gewährleistet und klappt einwandfrei. Das elektronische Ticket kann man sich an einer Smartphone-App abrufen und abspeichern, inkl. Live-Auskunft zum aktuellen Zugverlauf – ist ja bei den Verspätungen nicht ganz so verkehrt. Das nenne ich doch mal modernes Reisen, vor allem für ein Schwellenland wie Indien. Aber was HighTech angeht, sind die Inder ja eh ziemlich weit vorne.

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… wer will kann aber auch so reisen

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Es ist eine ziemliche Herausforderung, bei der Abfahrt das richtige Gleis heraus zu bekommen, das steht nämlich bis kurz vor Ankunft nicht so ganz genau fest. Ist ja klar, wenn alle Züge, die so im Tagesverlauf ankommen, nennenswerte Verspätungen haben, kann man schon mal durcheinander kommen bei der Organisation der ein- und ausfahrenden Züge. Selbst die Einheimischen haben oft keinen Plan, was abgeht (oder ankommt). Jemanden zu fragen führt nur dazu, daß man sich in trügerischer Sicherheit wägt … und seinen Zug verpasst. Das wäre mir um Haaresbreite mehrfach fast passiert … aber zum Glück hatten die Züge Verspätung …

Hat man dann das richtige Gleis gefunden, ist man jedoch noch lange nicht in seinem Waggon. Einen Wagenstandsanzeiger deutschen Vorbilds sucht man hier vergeblich, zudem sind die Züge ellenlang, nicht selten 20-25 Waggons und mehr. Die alle mit ganzem Gepäck bei 35 Grad im Schatten abzulaufen, bedarf schon einer gewissen Physis. Nun, die habe ich ja.

Hat man dann den richtigen Wagen gefunden, hängt da ein Computerausdruck (richtig, ein Papierausdruck, mit Kartonkleber an den Waggon geklebt) an der Tür mit den Namen aller gebuchten Reisenden und der entsprechenden Platzreservierung. HighTech-Land Indien halt …

Insgesamt jedoch ein tolles Erlebnis, in all dem Gewühle und Durcheinander zu sehen, daß eine Buchung geklappt hat, wenn man dann letzten Endes tatsächlich auf seinem gebuchten Platz sitzt.

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Den Karawanen auf der Spur

Bereits am Donnerstag bin ich für eine Tagestour von Jodhpur, dem Tor zur Wüste Thar, in eben diese gefahren, in die Wüstenstadt Jaisalmer an der indisch-pakistanischen Grenze.

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Das Wüstenfort Jaisalmer

Jaisalmer sollte auf der Reiseroute derer nicht fehlen, die die Wüste hautnah erleben möchten und genau das wollte ich, so hautnah wie möglich, auf dem Rücken eines Wüstenschiffes, eines Kamels. In Jaisalmer wurde vor über 800 Jahren auf dem Trikuta-Hügel eine imposante Zitadelle errichtet, die sich über eine weite wüstenhafte Ebene erhebt – ein märchenhafter Anblick.

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„unsere“ Karawane in den Sonnenuntergang

Eine der Haupteinnahmequellen war einst der Karawanenhandel auf der Gewürzstraße. Durch Hungersnöte und die spätere Grenzziehung nach Pakistan wurde die Stadt Mitte des 20. Jahrhunderts entvölkert. Am Fuß des Trikuta-Hügels entsteht heute zwar langsam eine moderne Stadt, doch hat die aus goldfarbenem Sandstein erbaute und noch bewohnte Festung Jaisalmer ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt und ist heute quasi ein „lebendes Museum“.

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Besonders schön empfand ich den Bummel durch die Altstadt Jaisalmers und durch die malerischen Basare innerhalb der Festungsmauern. Sehr authentisch war auch das Mittagessen nach arabischer Art … auf einem Teppich sitzend und von einem orientalischen Tisch speisend.

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Die Sonne sinkt, die Schatten werden länger …

Höhepunkt des Tagesausflugs war jedoch zweifelsohne die Kamel-Safari in den Sonnenuntergang … wunderschön und entspannend.

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Zum Schreien … ich hätte eine mehrtägige Tour mit Übernachtung machen sollen!!!

Mit dem Nachtzug ging es dann leider nach einem ereignisreichen und absolut unvergesslichen Tag weit nach Mitternacht zurück nach Jodhpur. Im Nachhinein habe ich mich geärgert, daß ich nicht eine mehrtägige Safari gemacht habe, die Einsamkeit, Ruhe, Weite und Schlichtheit der Wüste haben mich sehr fasziniert.

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Hupen bitte!

Ich hatte es bereits beiläufig in einem der vorherigen Beiträge erwähnt, der Verkehr in Indien ist notorisch chaotisch, gefährlich und sehr laut. Ich werde auf die Chaos-Pauschalisierung nun mal ein wenig genauer eingehen, damit verständlicher wird, was ich meine. Eins vorweg: Inder benutzen ihre Hupe jederzeit – und bauen üble Unfälle.

Zudem dauert es nicht mehr lange, dann wird Indien einer der drei größten Automärkte der Welt sein. Schon heute ertönt in dem Land das größte Hupkonzert der Welt. Die Hupe ist die Allzweckwaffe des indischen Autofahrers. Sie wird abgefeuert zum Abbiegen, Bremsen, Anfahren, Beschleunigen, beim Spurwechsel, zur Warnung, zur Freude, zu Begrüßung, zum Abschied. Das Signalhorn ersetzt den Blinker, das Licht – und häufig genug auch den Verstand. Beim Abbiegen den Blinker setzen? Weit gefehlt, dafür gibt es doch die Hupe. Überholen, bremsen, losfahren, parken – ohne hupen geht das nicht. Und doch ist die Zahl der Verkehrstoten in Indien so hoch wie in kaum einem anderen Land der Welt, daran dürften auch die jüngsten automobilen Absatzzahlen nichts ändern.

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Indien live …

Das indische Straßennetz ist katastrophal, gerade einmal ein Drittel aller Dörfer ist überhaupt rund ums Jahr auf „Allwetterstraßen“ erreichbar. In den Städten liefern sich Autos, Lastwagen, Busse, Mopeds und Rikschas tagtäglich einen Kleinkrieg. Unfälle – mal harmlos, mal tödlich – sind an der Tagesordnung. Trotz der nervigen Hupkonzerte.

Immer wieder versuchen Bürgerbewegungen, durch „Nicht hupen“-Schilder in den Millionenmetropolen den Lärm zu stoppen – bislang erfolglos. Das Signalhorn bleibt die Allzweckwaffe, die jeder vom einfachen Tuk-Tuk-Fahrer bis hin zum Chauffeur der Superreichen benutzt. Wenn der Vordermann in der dritten Reihe parkt, wird genauso gehupt wie im Stau und sogar für den Vogel auf der Straße – schließlich könnte man ja als Tier wiedergeboren werden.

Die meisten Fahrer glauben daran, dass das Signal sie vor Unfällen mit Ochsenkarren, Kühen, Ziegen, Fußgängern und was weiß ich was noch alles bewahrt. Selbst in Fahrschulen wird Hupen als eine Form des Selbstschutzes gelehrt. Im Land gibt es deswegen spezielle Maler, die ihr ganzes Berufsleben lang reich verzierte Buchstaben auf die diversen Verkehrsmittel im Land schreiben. „Horn please“, bitte hupen, heißt es in bunten Lettern auf der Ladeklappe jedes Lastwagens, jedes Busses, jeder Rikscha. Das erspart dem Fahrer den Blick in den Rückspiegel.

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Wer kann da noch widerstehen?

Nur, bringen tut dies wenig. In diesem Jahr sind allein in Delhi 110 Menschen von den Linienbussen der Stadt überfahren worden. Jeder fährt, wie es ihm gefällt. Zwischen allen Fahrspuren oder auf dem Fußweg, biegt gedankenverloren ab ohne zu gucken, parkt auf einer Kreuzung oder Autobahn – bis jemand hupt. Nicht einmal. Nicht zweimal. Sondern lang anhaltend: 10 Sekunden, 15 Sekunden, 20 Sekunden. Alles andere wird ignoriert.

Hupen im Stau ist besonders beliebt. Ich saß im Bus auf der gefürchteten Ring Road Delhis, dort ruhte mal wieder der Verkehr – und wir standen ganz am Ende des Staus. Der Busfahrer hupt seinen Vordermann an. Energisch. Rhythmisch. Ohne Nachlass. Möge dieser endlich den Weg frei machen und ihn durchlassen. Wie? Egal! Nicht sein Problem. Soll der Vordermann doch seinen Vordermann anhupen. Und der wiederum seinen.

Rücksicht ist im Hupkrieg keine Tugend, drängeln schon. Jeder gewonnene Zentimeter Asphalt ist ein nicht mehr zu nehmender Sieg. Ist die Lücke auch noch so klein, sie wird hupend erobert. Und stockt der gesamte Verkehr dadurch erst recht – macht nichts, schließlich ist wenigstens ein Fahrer einen Meter vorangekommen.

Zum 1. Januar hatte Delhis Polizei den hupfreien Tag ausgerufen – um das neue Jahr friedlich zu begrüßen und nach durchböllerter Nacht die Nerven der Einwohner zu schonen, 2015 wird auch so beginnen … na, da bleiben dann ja nur noch 364 Tage übrig …

Vielleicht hätte der Busfahrer an diesem Tag auch wieder die Sirenen des Rettungswagens gehört, der seit Minuten heulend und blinkend wie ein Christbaum hinter dem Bus stand. Es interessierte ihn nicht. Eine Rettungsgasse zu bilden, zur Seite zu fahren oder zu stoppen, um einem vielleicht lebensgefährlich Verletzten die rasche Ankunft im Hospital zu ermöglichen, kommt einigen Indern nicht in den Sinn: Man könnte im Kampf um den nächsten Zentimeter Asphalt ja unnötig zurückfallen …

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Natur- und Tierliebe bis in den Tod

Das Volk der Bishnoi im Norden Indiens setzt sich seit Jahrhunderten für den Schutz von Tieren und Pflanzen ein – zur Not auch mit dem eigenen Leben. Am gestrigen Samstag habe ich diese bewundernswerten Menschen besucht.

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Na das nenne ich doch mal „in enger Verbindung mit den Tieren leben“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor über 500 Jahren gründete ein indischer Guru die Gemeinschaft der Bishnoi, einem Volk, das sich dem Schutz allen Lebens verschrieben hat – und in enger Verbindung mit Pflanzen und Tieren lebt. Die Heimat ihrer Nachkommen ist noch immer die Wüste Rajasthans. Dort verteidigen die Bishnoi bis heute ihre traditionellen Regeln gegen die Einflüsse der modernen Welt, notfalls unter Einsatz ihres Lebens.

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Traditionelles Bishnoi-Dorf mit Rundhütten

Ein Auszug aus der Geschichte: Um das Jahr 1730 wehrten sich die Bishnoi im Dorf Khejarli in Rajasthan gegen die Abholzung von Khejri-Bäumen durch Soldaten des Maharaja von Marwar. Hierbei sollen 363 Dorfbewohner umgekommen sein, die sich zum Schutz vor die Bäume gestellt hatten. Der Protest war jedoch schließlich erfolgreich, und der Maharaja erließ ein Dekret gegen die Abholzung. Diese Protestaktion gilt als frühester Vorläufer der Chipko-Bewegung, in deren Rahmen indische Frauen seit den 1970er Jahren Widerstand gegen Waldzerstörung leisten.

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Die Saree der Bishnoi-Frauen sind wunderschön, der Gesichtsschmuck gewöhnungsbedürftig …

Bishnoi bedeutet „29“, abgeleitet von den 29 Geboten, die Lord Jambeshwar vor etwa 500 Jahren für seine Gemeinde aufstellte. Zu jener Zeit drohte das Land durch Konflikte zwischen Muslimen und Hindus und Rivalitäten innerhalb verschiedener Kasten auseinander zu brechen. Jambeshwar glaubte, dass der einzige Weg aus dieser Situation ein absoluter Respekt gegenüber jedem Lebewesen sei. Dafür stellte er die 29 Regeln auf. Sie betreffen die tägliche Hygiene ebenso wie die Art zu sprechen, die Ernährung, das Mitgefühl und das Vergeben gegenüber anderen. Sie reichen von „Töte niemals ein Tier“, „Schütze die wilden Tiere, denn auch sie spielen eine Rolle im Gleichgewicht der Natur“ über „Lüge nicht“ bis hin zu „Fälle keine Bäume“. Mit ihrem strengen Regelwerk gehören die Bishnoi zu den ersten Umweltschützern der Welt. Bis heute versuchen sie, ihren Idealen treu zu bleiben, auch in der globalisierten Welt, in der wenig Platz für Individuen und Lebensformen jenseits der Moderne bleibt.

Hier ein Auszug der wichtigsten der 29 Gebote der Bishnoi:

– Großmütige und achtungsvolle Beziehung zwischen Frau und Mann

– Töte niemals ein Tier, egal wie klein es ist

– Iss niemals Fleisch

– Gib Schafen und Ziegen einen Unterschlupf, um sie vor Schlachtung zu bewahren

– Denke, bevor du sprichst

– Habe Verständnis zu vergeben

– Kritisiere nicht ohne Grund

– Habe Mitgefühl mit allem, was lebt

– Fälle niemals einen Baum, beschneide keinen grünenden Baum

Viele junge Bishnoi wandern leider ab in die Städte, in der Hoffnung, daß das Leben dort einfacher ist … ist es nicht. Diejenigen, die bleiben, kämpfen weiter für die Rechte der Tiere und Bäume, verarzten verwundete Gazellen und pflegen sie in ihren eigenen Tempeln gesund. Und sie haben die Zeichen der Zeit erkannt: Längst greifen sie auf moderne Kommunikationsmittel wie Mobiltelefone zurück, organisieren Demonstrationen, über die am nächsten Tag in der Zeitung berichtet wird.

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Primär die Frauen sind aufgrund ihrer Eleganz und ästhetischen Schönheit wundervolle Foto-Motive

Es bleibt abzuwarten, ob das reicht, um den Bishnoi und ihrem Kampf für die Natur ein dauerhaftes Überleben zu sichern … unterstützens- und wünschenswert ist es allemal …

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Blaue Stadt

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Deshalb heißt die blaue Stadt so …

Die ummauerte „Blaue Stadt“ Jodhpur ist das Tor zur Thar-Wüste, die sich westlich bis nach Jaisalmer und zur indisch-pakistanischen Grenze und südlich bis zur Arvalli-Kette erstreckt. Bis 1459 wurde in der Stadt die Festung Mehrangarh errichtet, die majestätisch auf einem Felsen 130 Meter über der modernen, geschäftigen Stadt thront und die Hauptattraktion darstellt.

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Uneinnehmbare Zitadelle Mehrangarh

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Harte Schale, weicher Kern … wunderschöne Paläste innerhalb der Festung

Über einen Serpentinenweg und durch imposante Tore gelangt man ins Innere. Das eiserne Tor Loha Pol trägt die Handabdrücke von Frauen, die sich nach dem Tod ihrer Ehemänner der Sati unterzogen. Sie ließen sich auf dem Scheiterhaufen ihrer Ehemänner lebendig mit verbrennen … auch das ist wahre Liebe. Das Sati-Ritual ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts gesetzlich verboten, 1953 ließ sich die letzte Frau aus der königlichen Familie Jodhpurs lebendig verbrennen.

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Opium-Rauchen ist in Rajasthan „Volkssport“

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