Armut und Kastensystem

1,2 Milliarden Menschen sollen auf dem Subkontinent leben, damit ist Indien der zweitbevölkerungsreichste Staat der Welt. Wobei ich mich ernsthaft frage, wer das wie ermittelt haben will. Bei meinen Erkundungszügen durch touristisch erschlossene Gebiete, wie auch durch Wohngebiete mit ausschließlich Einheimischen und durch Elendsviertel kam aus wirklich jeder Ecke zu jeder Zeit irgendwie ein Inder gekrochen … egal, ob groß oder klein, reich oder arm, Männlein oder Weiblein, mit oder ohne Gefährt … ein ständiges Gewusel – so stelle ich mir das Leben in einem Ameisenhaufen vor. Ganz ehrlich, ich bin mir hundertprozentig sicher, daß hier hunderttausende von Menschen leben, die eine potentielle Volkszählung nicht einmal ansatzweise auf dem Schirm hat. Kinder werden hier mitunter überall auf die Welt gebracht, eine Geburtsurkunde ist definitiv obsolet, ein Pass ebenso. Ein Großteil dieser Klientel wird sich ein Leben lang nicht in erwähnenswertem Umfang aus dem Dunstkreis des eigenen Viertels hinaus bewegen. Gearbeitet wird, wenn überhaupt, per Handschlag. Sozialversicherungs- und Steuernummer sind diesen Menschen unbekannt und auch völlig unnötig. Eine soziale Sicherung nach westlichem Vorbild gibt es nicht und Steuern zahlen hier allenfalls registrierte Unternehmen und Dienstleister, der Kleinhandel und das Kleingewerbe jeglicher Art bleibt hiervon unberührt.

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Wer keine Arbeit bekommt, macht sich selbständig … zum Beispiel in der Wäscherei-Branche

Die nicht zuletzt durch das Kastensystem begünstigten sozialen Unterschiede sind ein Spiegelbild der Gesellschaft einerseits und des Lebens der Inder im Alltag andererseits. Das Kastenwesen ist in Indien noch immer eine sichtbare und viel diskutierte Realität. Die gesellschaftliche Einteilung in Kasten ist für den Europäer kaum zu verstehen, geschweige denn zu akzeptieren. Fast alle Armen gehören entweder zu den „Scheduled Castes“, also den untersten Kasten, oder zu den kastenlosen Dalits sowie den Adevasi-Ureinwohnern. Traditionell werden ihnen viele Berufe verwehrt, oft leben sie außerhalb der Dorfgemeinschaften. Das Schicksal der untersten Kastenangehörigen, zu der fast 20 Prozent aller Inder gehören, hat sich glücklicherweise in den letzten Jahrzehnten erheblich verbessert: Ein Quotensystem an Universitäten und in der Verwaltung sowie Regierung soll helfen, ihre soziale Stellung zu verbessern. Mit K.R. Narayanan gelang es sogar einem Kastenlosen, von 1997 bis 2000 Präsident von Indien zu werden. Das wäre früher undenkbar gewesen.

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Oder als Blumenhändler

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