Indien ist, wie zuvor beschrieben, extrem in jeder Hinsicht und neben den ganzen nervigen Facetten vor allem auch extrem sehenswert. Transporttechnisch bewege ich mich in den 3 Wochen Indien hauptsächlich mit dem Zug durch das riesige Land, das vermeintlich beste Verkehrsmittel von allen in Frage kommenden Alternativen. Immerhin hat Indien das weltweit drittgrößte Streckennetz.
Los ging meine Indien-Rundreise in Varanasi, einem der ältesten ununterbrochen bewohnten Orte der Welt und am Ufer des heiligen Flusses Ganges gelegen. Varanasi ist zudem die heiligste Stadt des Hinduismus. Seit Jahrhunderten kommen die Pilger in diese uralte Stadt, um Erlösung und Trost zu suchen. Nirgendwo ist Varanasi faszinierender als bei den Ghats, den stufenförmigen Uferbefestigungen, zu denen sich von Tagesanbruch bis zur Dämmerung ein unablässiger Strom von Menschen drängt. Hier vollziehen die Pilger ihre Rituale, im festen Glauben, sich damit von den Sünden ihres Lebens rein zu waschen. So mancher, den ich da sah, hat ziemlich lange gewaschen … Viele Touristen sind beim Anblick der Ghats und vom Trubel um die Leichenverbrennungen schockiert, die Religion und ihre Botschaft scheinen weit weg zu sein, bei so viel Vitalität und Elend, so viel Leben und Tod. Wenn man sich jedoch Zeit nimmt und das Ganze auf sich wirken lässt, dann schwinden die Widersprüche und die verborgene Harmonie des Ganzen tritt zutage.
Das Hostel, in dem ich untergekommen bin, übrigens das bisher beste, in dem ich übernachtete, bot morgendlich Bootstouren zum Sonnenaufgang auf dem Ganges an. Auch darüber hinaus wurden eigenständige und meist kostenfreie Führungen durch Varanasi angeboten, so zum Beispiel eine morgendliche Tempeltour. Im weichen ersten Licht vor Sonnenaufgang, wenn über dem Fluß noch eine zeitlos-ätherische Stimmung liegt, kann man die Eindrücke an den Ghats im Rahmen einer Bootstour durch den Frühnebel am besten wahrnehmen … alle Geräusche der umtriebigen Stadt (und das sind sehr viele) sind weit weg.
Während es für den gemeinen Inder bereits eine große Gnade ist, in Varanasi verbrannt zu werden (und viele Leichname werden extra zu diesem Zweck in die Stadt gebracht), darf der Gläubige, der in Varanasi stirbt, sicher sein, die Erlösung aus dem Zyklus der Wiedergeburt zu erlangen. Daher kommen viele Menschen, die sich ihrem Lebensende nähern, hierher, um auf den Tod zu warten. Varanasi besitzt die mit Abstand meisten Hospize Indiens.
Schon komisch, bei uns beten alle dafür, wieder geboren zu werden, die Hindus dagegen sind froh, wenn ihre Seele endlich Frieden hat … Wirklichen Frieden hat aus Hindu-Sicht die Seele jedoch erst durch vollständige Auslöschung (= Verbrennung) ihres Wirts, des Körpers. Auch dies ist ein signifikanter Unterschied zu den westlichen Religionen, wie auch zum Islam, wo eine Beerdigung des Körpers bevorzugt wird. All diese religionsspezifischen Riten spiegeln sich übrigens auch in den Sakral-Architekturen wider und machen diese so unterschiedlich wie einmalig.




