Dimensionen der Angst

Mit mehr als 120 000 Verkehrstoten pro Jahr, die Hälfte davon Fußgänger, steht Indien nicht umsonst an der Spitze der weltweiten Statistiken. Bei Bussen ohne Bremsen, Kühen auf der Autobahn und unbeleuchteten Rollfeldern auf Flughäfen erscheint dies nur eine logische Konsequenz zu sein. Und wer schon einmal gesehen hat, wie Inder Bahn fahren, der schüttelt nur ungläubig mit dem Kopf. Obwohl, da muß man in Indien vorsichtig sein, das wippen mit dem Kopf von links nach rechts bedeutet hier „Ja!“. Die Fahrt mit dem Vorortzug zur Rushhour beispielsweise ist ein Erlebnis, das auch bei psychisch stabilen Menschen Klaustrophobie auslöst – die Passagiere, die sich ans Trittbrett klammern oder auf dem Dach mitfahren mal ganz außer Acht gelassen. Ähnlich strapaziös gestaltet sich die Fahrt mit städtischen Bussen, deren technischer Zustand jedem TÜV-Prüfer drei Wochen Magenschmerzen verursachen würde. Selbst Laien ahnen auf den ersten Blick: Hier fehlt etwas – die Bremse zum Beispiel oder das Licht bei Nacht. Sich mit dem Taxi oder gar Moped durch den indischen Straßenverkehr zu quälen, zählt aus europäischer Sicht zu den Extremsportarten. Auch abgebrühte Sizilien- oder China-Reisende (so wie ich zum Beispiel) können in Indien noch neue Dimensionen der Angst erfahren.

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In Indien gefährden Tiere den Verkehr – allen voran Kühe, Rinder und Büffel …

Doch was genau macht den Straßenverkehr in Indien so gefährlich? Die Mischung aus Armut – eine neue Bremse kostet Geld – und Fatalismus – die Götter werden es schon richten – verführt zu gefährlichen Manövern. Zudem ist das Straßennetz in erbärmlichem Zustand und es existiert kein TÜV für Privatfahrzeuge. Darüber hinaus sind nicht alle Verkehrsteilnehmer in der Lage, geschweige denn willens, sich an Regeln zu halten – Kühe und Kamele allemal nicht. Dabei ist das Regelwerk durchaus einfach: Der Größere hat recht. Alle anderen Verkehrsregeln sind bestenfalls als Handlungsvorschlag zu werten, genauso wie die irrige Annahme, jeder habe (vor allem im Dunkeln) seine eigene Fahrspur zu nutzen oder das Licht einzuschalten. Der Plan, mit dem Mietwagen Indien am eigenen Steuer zu erkunden, sollte deshalb genau dies bleiben: ein Plan.

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… aber auch Ziegen, Esel, Kamele, Schweine und … Affen

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