An der roten Ampel pressen sich bettelnde Gestalten ans Taxi-Fenster, klopfen Kinder in Lumpen an die Seitenscheiben und heben Aussätzige das Hemd, um ihr Leiden zu zeigen. Kein Witz, bittere Realität, insbesondere in Großstädten wie Delhi. An der Bahnschranke während der Überlandfahrt mit dem Bus schnell mal aussteigen und die Beine vertreten – das ist nur Hartgesottenen zu empfehlen: Im Chor der „One Rupee, please!“-Rufe komme ich mir wie ein Geizhals vor. Aber ich habe meine Prinzipien. Kein Geld an bettelnde Kinder! Alternativ habe ich immer Bonbons in der Tasche … daran sind die Kurzen freilich weniger interessiert. Manche werden frech, ich dann auch!
Sicher, zwischen dem relativ wohlhabenden Kerala im Süden des Landes und den bettelarmen Dörfern des östlichen Orissa liegen Welten, so erklärte man mir. Doch wo immer die Menschen von der Hand in den Mund leben, wird man als Tourist zum potenziellen wandelnden Geldautomaten. Und das aus gutem Grund: Trotz des jährlichen Wirtschaftswachstums von mehr als fünf Prozent verdienen rund 30 Prozent aller Inder weniger als einen (!) US-Dollar pro Tag – und mehr als 35 Prozent sind Analphabeten. Indiens Mittelschicht (derzeit rund 300 Millionen Menschen) mag wachsen und gedeihen – so offensichtlich wie die allgegenwärtige Armut ist sie eben leider nicht! In den Großstädten liegen Slums und Villenviertel oft dicht beieinander, das merkt man manchmal kaum … und manch eine bewachte Wohnanlage ist von einem wuchernden Gürtel von Papp- und Holzbauten umgeben.