… gibt es selbstverständlich auch in Nepal und zwar reichlich.
Es gibt wohl nur wenige Länder auf dieser Welt, die eine solche landschaftliche und größtenteils unverfälschte kulturelle Vielfalt auf engstem Raum vereinen, wie dieser Hindu-Staat zwischen den Achttausendern des Himalaya und der heißen Tiefebene des Teraj. Die höchsten Berge dieser Welt machen Nepal quasi zu einem naturgegebenen Weltwunder. Nepal bietet für jeden Besucher etwas, egal ob Bergsteiger, Kultur-Freak, Sportbegeisterter, oder einfach nur Urlauber. Einzig Strände gibt es hier keine … wer schwimmen will muss nach Malle statt nach Nepal.
Primär konzentriert sich der Tourismus in Nepal auf das Kathmandu Valley mit den drei ehemaligen Königsstädten Kathmandu, Patan und Bhaktapur. In Kathmandu kommen im Prinzip auch alle Reisenden zunächst an, sofern sie per Flugzeug einreisen. Jeder andere Nepal-Tourist wird früher oder später hier landen, egal, ob er über Land aus Tibet oder Indien einreist. Das Kathmandu Valley ist das unangefochtene Zentrum des Tourismus in Nepal, was nicht zuletzt an der Vielzahl von Sehenswürdigkeiten liegt. Das Tal ist etwa 25 Kilometer lang und 15 Kilometer breit. Die relativ geringe Ausdehnung ermöglicht eine Erkundung in mehreren Tagestouren ab einem festen Standort, meistens Kathmandu, da dieses die mit Abstand beste touristische Infrastruktur bietet, leider aber auch, wie erwähnt, die mit Abstand höchste Luftverschmutzung.

Innerhalb unserer Tibet-Gruppe hatten wir bereits während der Reise über unsere Pläne nach Ankunft in Kathmandu gesprochen. Isabell, Antonia, Rene und ich hatten in etwa die gleichen Ideen und so machte ich den Vorschlag, doch einfach am Sonntag zusammen ein Taxi zu nehmen und Kathmandu und Umgebung gemeinsam zu erkunden. Gesagt, getan!

an den Ghats in Pashupathinat
Nach anfänglichen Orientierungsproblemen in Bezug auf unseren Treffpunkt ging es dann am frühen Sonntagmorgen los. Auf dem Programm stand zunächst die Besichtigung von Pashupatinath. Der Tempelkomplex ist Nepals wichtigstes hinduistisches Heiligtum und der Zielort zahlloser Pilgerer und Sadhus mit orangefarbener Kleidung. Letztere sind oft furchterregend dreinschauende Asketen, die sich wie ihr Vorbild Shiva die langen Haare zu einem Berg auf dem Kopf auftürmen und zur Vertiefung ihrer Meditation Ganja und Haschisch rauchen, so wie Shiva einen Berg (!) Ganja geraucht haben soll. Der muß ja mächtig high gewesen sein! Für Rene jedoch war das völlig normal, der kennt Haschisch-rauchende orange gekleidete Menschen zur Genüge aus Holland …

Tempelkomplex von Pashupathinat

ich finde, die sehen aus wie Holländer …
Wie in allen Hindu-Tempeln in Nepal und Indien ist der Zutritt zum Allerheiligsten Nicht-Hindus nicht gestattet. Das umliegende Gelände bietet aber so viel Sehenswertes und so viel Atmosphäre, daß ein Besuch auch so unbedingt lohnt, manchmal sogar zu viel Atmosphäre.

Zeremonien vor der Feuerbestattung
Leicht verstört hat uns nämlich der Besuch der Ghats (Ufer) am Bagmati-Fluß, an denen rund um die Uhr auf speziellen Plattformen auf einer Art Holz-Scheiterhaufen verstorbene Hindus nach ihrem Tode verbrannt werden – öffentlich versteht sich. Irgendwie ist die Stimmung gespenstisch und beklemmend, da sitzen wir gegenüber von den Feuerbestattungs-Ghats und schauen dem zeremoniellen Treiben der Hindus zu. Angehörige trauern und lassen ihrem Schmerz freien Lauf, während an der Bestattungszeremonie Beteiligten die Köpfe kahl rasiert werden, Freunde und Bekannte Blumen auf den Leichnam legen oder Wasser aus dem (heiligen) Fluß über den toten Körper träufeln. Überall stehen Zuschauer, Einheimische und Touristen, es wird fotografiert, gefilmt, geredet … touristische Führer erklären alles rund um die Zeremonie … es hat etwas Surreales. Es finden drei Feuerbestattungen gleichzeitig statt, zwei der leblosen Körper sind alt, bei einem scheint es sich um einen jüngeren Leichnam zu handeln. Bevor die Toten angezündet werden machen wir uns vom Acker, den süßlichen Geruch verbrennender Körper brauchen wir nun wirklich nicht.

Die Stupa von Bodnath ist neben Swayambhunath das wichtigste buddhistische Heiligtum Nepals. Mit einem Durchmesser von 40 Metern ist sie zudem eines der größten buddhistischen Bauwerke der Welt. Wie bei vielen anderen Stupas, vor allem in Tibet, ist der Grundriß auch hier einem tibetanischen Mandala nachempfunden. Die Hintergründe und Daten ihrer Entstehung sind umstritten, möglicherweise stammt sie aber aus dem 7. Jahrhundert. Wie so oft in Nepal vermischen sich auch hier Fakten und Legenden zu einem unauflösbaren Mysterium. Verbürgt ist jedoch, daß an dem Gelände der Stupa schon vor Jahrhunderten ein Handelsweg nach Tibet vorbeiführte. Wahrscheinlich nutzten die Reisenden die Stupa zu einem letzten inbrünstigen Gebet, daß sie gegen die Gefahren der langen Reise absichern sollte. Sinn macht das auf jeden Fall, wenn man auf den Himalaya hoch will, ich hätte das Ding noch größer gebaut und gar kräftig gebetet.

beeindruckende Stupa von Bodnath

Von Bodnath ging es dann am frühen Nachmittag nach Bhaktapur, der ehemaligen Königsstadt. Interessant war die Fahrt mit dem Taxi dorthin. Offensichtlich hatten wir einen sehr heimatverbundenen Fahrer, es schien zumindest so, als sei er noch nicht allzu oft aus Kathmandu raus gekommen. Er hatte sichtlich Schwierigkeiten, den richtigen Weg fernab der Heimat in das 15 Kilometer entfernte Bhaktapur zu finden. Ich machte mir einen Spaß daraus und verfolgte seine Fahrt auf meinem iPad. Da ich mit Offline-Karten aller Länder, die ich bereise, ausgestattet war und es zudem überall auf der Welt ein GPS-Signal gibt, war ich quasi ein wandelndes, äh, in diesem Fall fahrendes Navi. Ich hätte dem guten Mann also genau sagen können, wo er hin muß. Letztlich hat aber meine gute Seele gewonnen und ich habe ihm die Blamage erspart. Für uns hat es so zwar länger gedauert, nach Bhaktapur zu kommen, schließlich mußte er sich mehrfach durchfragen, dafür hatten wir aber unerwarteten Spaß. Was will man mehr?

tolle altertümliche Tempelanlage von Bhaktapur
Bhaktapur ist absolut Klasse, ein einmalig erhaltenes einziges Freilichtmuseum aus dem altertümlichen Nepal zur Zeit der ehemaligen Könige und vollgestopft mit Tempeln, Schreinen sowie anderen historischen Bauwerken und Sehenswürdigkeiten. Die Stadt ist im Vergleich zu Kathmandu zudem weniger zugebaut, auffallend geordneter, ruhiger und sauberer. Ich erwäge noch vor der Rückfahrt, einige Tage vor meiner Weiterreise in diesem schönen von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannten Städtchen zu verbringen, leider bleibt es bei der Erwägung.

Wir vier essen noch was zusammen in einem nepalesischen „Momo-Restaurant“, trinken gegen Abend noch einen Kaffee gemeinsam und dann heißt es nach der Rückfahrt nach Kathmandu, Abschied zu nehmen. Es fällt immer wieder schwer, Menschen „goodbye“ zu sagen, an die man sich gerade gewöhnt hat, mit denen man Spaß zusammen hatte, mit denen man sich gut verstand und mit denen man deshalb gerne noch ein wenig mehr Zeit verbracht hätte. Sei’s drum ihr Lieben, ihr bleibt in meiner Erinnerung und sei es in zig Jahren nur noch über diesen Blog. Ich hoffe, ihr seid gut nach Hause gekommen, Isabell und Antonia, und Du Rene hattest noch viel Spaß beim Trekking in den Bergen. Alle lieben und guten Wünsche noch mal an euch an dieser Stelle. Ich weiß doch, ihr lest meinen Blog … 😉

Die restlichen Tage in Nepal vor dem Beginn meines Retreats habe ich sehr entspannt verbracht. Neben Shopping habe ich mir noch die eine oder andere Sehenswürdigkeit ganz in Ruhe angeschaut: Patan und Kathmandu, die beiden anderen Königsstädte mit ihren historischen Altstädten und Tempelkomplexen sowie Swayambunath mit seiner Stupa, die auf einem legendenumwobenen Hügel etwas außerhalb der Stadt liegt und fast ein Wahrzeichen Kathmandus ist. Der Hügel ist einer der heiligsten Orte des Kathmandu Valley und wird von einer weniger heiligen Horde Affen bevölkert, die ihm den Beinamen „Monkey Temple“ eingebracht haben. Man passe hier extrem genau auf sein Hab und Gut auf, die Primaten klauen alles, was halbwegs nach etwas Essbarem aussieht … dazu zählen auch Damentaschen, Handys, Sonnenbrillen, etc. …

nicht minder tolle Stupa von Swayambunath

schon morgens ziehen die Abgase über Kathmandu …
So ganz kann ich derzeit nicht sagen, was ich von den Tagen hier in Nepal halten soll, zu diffus haben sich die unterschiedlichen Facetten dargestellt. Nepal hatte es aber auch sehr schwer. Nach den enormen Eindrücken und Erlebnissen in Tibet konnte es eigentlich nur abfallen. Irgendwie fällt man nach (anstrengenden) Tagen permanenten Staunens, wie in Tibet, in ein kleines Loch, das erscheint mir völlig normal, zumal es in Nepal auch grundsätzlich gemächlicher zugehen sollte. Aber wer weiß, was das Land buddhistisch-spirituell für mich noch in den kommenden Tagen zu bieten hat …

Durbar Square in Kathmandu

Eins steht aber außer Frage, die Menschen hier sind überaus aufgeschlossen, freundlich, nett und hilfsbereit. Obwohl Nepal ein sehr armes Land ist und folglich auch die Bürger dieses Landes sehr wenig haben, erscheinen mir die Menschen genügsam und zufrieden. Missgunst oder Neid konnte ich nicht erkennen, auch nicht gegenüber westlichen Reisenden. Von Kriminellen, Bettlern, Dieben, Betrügern und anderem dubiosen Gesindel keine Spur, obwohl es das ganz sicher in bestimmten Ecken auch hier gibt.
Namaste …
