Kathmandu – und damit meine ich jetzt mal das gesamte Kathmandu Valley – ist katastrophal! Katastrophal schlecht für die Gesundheit, in einem katastrophalen Strassenzustand und katastrophal laut, voll und dreckig. Also ehrlich, das muß man so deutlich sagen, auch weil ich, seitdem ich hier angekommen bin, mit Reizhusten der besonders hartnäckigen Art zu kämpfen habe. Von nichts kommt nichts! Habe ich am Samstagabend nach Ankunft noch gedacht, es wäre nebelig hier, mußte ich mich im Hellen eines Besseren belehren lassen … über dem ganzen Tal hängt eine dicke Dunstglocke aus Abgasen, Staub und sonstigen gesundheitsschädlichen Substanzen. Wohnt man (so wie ich) in einem Hostel in der Innenstadt, lebt man im Zentrum, dem Produktionsbetrieb dieser Nebelmaschine. Ehrlich, die Lebenserwartung eines Rikscha-Fahrers, der den ganzen lieben Tag diesem Gift ausgesetzt ist, kann nicht allzu groß sein.
Es wimmelt von Taxis, Bussen, LKWs, Motor-Rikschas und Motorrädern, die Stadt wandelt tagsüber am Rande eines Verkehrskollaps … die Verhältnisse hier sind selbst für Südostasien außergewöhnlich und das soll schon was heißen, wenn man bereits Bangkok, Manila, Hongkong und Peking erlebt hat. Apropos Peking, dachte ich, in China herrschen anarchieähnliche Zustände, so ist diese Einschätzung korrekt, denn hier herrscht echte Anarchie – zumindest vordergründig.
Es gibt keine Ampeln, keine Verkehrsschilder und fast keine Straßenmarkierungen. Und das trotz des immensen Verkehrsaufkommens in dieser 1,5-Millionen-Einwohner-Region. Darüber hinaus gibt es auf der Straße auch keine Spuraufteilung, jeder fährt da wo Platz ist, links, rechts, auf dem Bürgersteig … Aber es funktioniert … meistens. So erstaunlich das ist, mittlerweile kann ich sogar bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, warum das funktioniert, aber dazu später mehr.
Das ganze System basiert wohl auf einer besonderen Form der Solidarität. Jeder Verkehrsteilnehmer wird beachtet und es wird auf eine angepasste Fahrgeschwindigkeit (selten über 40 km/h) geachtet. Da es so gut wie keine Verkehrsregeln gibt, kann auch niemand auf irgendein bestimmtes Recht bestehen und man muss gegenseitig achtgeben. Also, Verkehrsrichter und –anwälte dürften in diesem Land ziemlich unausgelastet sein.
Wenn in Deutschland ein Auto beim Überholen auf die Gegenfahrbahn fährt und andere Teilnehmer gefährdet, dann ist das ein Vergehen. Bei einem Unfall gibt es damit einen eindeutig Schuldigen. Hier in Nepal gehört der gleiche Fall, OHNE Unfall, zum alltäglichen Verkehr. Jeder Verkehrsteilnehmer muss damit rechnen, dass jemand etwas Unberechenbares tut und das tun fast alle. Dementsprechend wird nicht zu schnell gefahren und wenn dann mal jemand den Fahrweg versperrt, dann wird sich nicht groß aufgeregt, sondern kräftig und nachhaltig gehupt und außen herum gefahren. In Kathmandu gibt es zudem keine Vorfahrtsregelung, mit Ausnahme von ein paar wenigen, wirklich großen Kreuzungen, auf denen Polizisten den Verkehr regeln. Das ganze System würde ich wirklich mal gerne in Deutschland erleben … große Güte, völlige Überforderung.
Was passiert, wenn jedoch eine gewisse Grenze überschritten wird und einfach zu viele Fahrzeuge unterwegs sind, kann man sich ausmalen, nämlich gar nichts. Stillstand!
Dann gibt es da noch die Verkehrssituation aus Sicht der Fußgänger. Zunächst gibt es keine, absolut keine speziell für Fußgänger vorgesehene Stelle, um eine Straße zu überqueren. Man sieht zwar ab und an die Reste eines Zebrastreifens, dies ist jedoch reine Makulatur, es interessiert niemanden, selbst wenn mehr als die Reste vorhanden wäre. Fußgänger überqueren überall und jederzeit die Straße, ob mit oder ohne Zebrastreifen, ob eine oder vier Spuren und unabhängig vom Verkehrsaufkommen. Würde man, wie in Deutschland gelernt, warten bis kein Auto kommt, könnte man sich das Geld für die Übernachtung sparen, da man dort nie ankäme. Also, jeder Fußgänger lernt schnell, daß man einfach über die Straße geht. Natürlich schmeißt man sich nicht vor jeden rasenden LKW aber wenn ein paar Meter Abstand zum kommenden Auto vorhanden sind, nimmt man seinen ganzen Mut zusammen und geht einfach los. Entweder das kommende Auto bremst ab, dann geht man weiter auf die nächste Spur, oder es fährt um Dich rum. In dem Fall bleibt man einfach stehen und wartet auf die nächste Lücke. Bei dichtem Verkehr und fehlenden Lücken streckt man die Hand den fahrenden Autos entgegen, um auf diese Weise zu signalisieren „Achtung, ich gehe jetzt über die Straße“ und, siehe da, das funktioniert meisten auch. Falls nicht … hmmm …
Daher halte ich immer Ausschau nach anderen Nepalesen, die auch die Straße überqueren, sodass ich ihnen einfach hinterherlaufen kann.
Bewundernswert am nepalesischen Verkehr ist es letztlich, mit wie wenig Regeln er auskommt und mit welcher Selbstverständlichkeit jeder Verkehrsteilnehmer auf den anderen Rücksicht nimmt. Allein schon aus diesem Grund ist es in „Good old Germany“ zwingend notwendig, Verkehrsregeln zu haben … sonst gäbe es bei uns Anarchie …





Hey Jenko,
ich versuche immer mal wieder deinem. Blog zu folgen. Aber ehrlich gesagt du schreibst mehr als ich lesen kann.
Anyway, ich beneide dich um das was du gerade machst. Auch wenn es manchmal langweilig ist, glaubi mir das normale Leben in Germany ist wesentlich langweiliger. Also bitte genieße in vollen Zügen was du mitnehmen kannst. Das ist speziell, das nimmt dir keiner
Unterm Strich; ich denke du hast mehr davon dort als hier zu sein, believe me, genieße die Zeit!!!!
Ganz ehrlich,alles das was ich so lese.:.. sehr, sehr geil!!!
Liebe Grüße auch von Tanja
Holger