folgenschwere Fehler

Ich hatte im ersten Beitrag über Nepal in Bezug auf die Naturkatastrophen auf eine detailliertere Erörterung hingewiesen … diese folgt hiermit.

Nepal hat wohl eines der schlimmsten Bergunglücke in seiner Geschichte erlebt. Hunderte Menschen wurden aus der von einem Zyklon getroffenen Annapurna-Region gerettet, soweit das Positive. Das Drama ist auch während meiner Zeit in Nepal und vor allem in Kathmandu allgegenwärtig, konzentriert sich doch die Versorgung der Geretteten und Verletzten, wie auch die Bergung, Untersuchung und der Rücktransport der Toten nahezu ausschließlich auf die Hauptstadt des Königreiches, die damit überfordert ist. Die Kritik an den Behörden ist allseits groß, insbesondere der Vorwurf der zu langsam angelaufenen Suche, die voraussichtlich Leben gekostet hat.

Die meisten Höhencamps am Annapurna haben Berichten zufolge ein Satellitentelefon, es hat demnach grundsätzlich die Möglichkeit bestanden, nach dem Wetterbericht zu fragen und die Besucher zu informieren. Das hat aber niemand gemacht. Die Hüttenwirte hingegen haben weder ein Frühwarnsystem noch Infos über das Wetter – ein unmögliches Sicherheitsrisiko, gerade im Hochgebirge, wo sich die Wettersituation schlagartig und extrem ändern kann. Es ist geradezu verwunderlich, daß ein Unglück dieser Größenordnung nicht bereits früher passiert ist.

Man munkelt, die Wanderführer hätten von den Touristen Geld eingesammelt, um Spuren zu legen. Sie wollten offensichtlich mit der Extremsituation Geld verdienen und hatten wohl nicht begriffen, daß oben auf dem Annapurna-Circuit-Trek viele Menschen um ihr Leben kämpften und sie schnellstens helfen müssten. So unglaublich dies klingt, ist das Verhalten fast nachvollziehbar, da viele der Trekking-Führer von dem Geld, das die Touristen an die Reise-Agenturen zahlen, kaum etwas sehen. Zudem sind die Führer schlecht bis gar nicht ausgebildet und gehen beispielsweise mit Stoffschuhen und ohne Handschuhe los.

Das Entwicklungsland Nepal hat zudem keine Bergrettung und weder quantitativ noch qualitativ ausreichende Möglichkeiten einer angemessenen Reaktion, wie beispielsweise in den Touristenregionen der europäischen Alpen. Es gab in Muktinath angeblich nur einen Armee- und einen privaten Helikopter. Natürlich verfügt Nepal als Entwicklungsland nicht über die Möglichkeiten wie etwa die Schweiz oder Österreich aber im nahe gelegenen Jomosom gibt es zumindest eine Militärbasis und in Pokhara mehrere Privathubschrauber für Heli-Touren, durch deren Einsatz mehr Menschen hätten gerettet werden können.

Nach dem Schneesturm im Annapurna-Gebiet lief die Suche nach den Trekking-Touristen und Einheimischen daher nur langsam an. Am Ende war die Rettungsaktion zwar die größte, die Nepal je bewältigen musste – hunderte Soldaten, Polizisten und lokale Helfer waren im Einsatz. Nach aktuellem Stand wurden 518 Menschen, darunter 310 ausländische Wanderer, gerettet – aber mindestens 43 Menschen starben, darunter 22 Nepali.

Die Kritik an den Behörden ist groß: es wäre definitiv möglich gewesen, mehr Menschen zu retten, wenn schneller reagiert worden wäre. Auch lokale Beamte meinen, es sei zu spät und nicht umfassend reagiert worden. Einer der Zuständigen in der Unglücksregion, der verständlicherweise anonym bleiben will, sagte, die Regierung in Kathmandu habe ewig gebraucht, ehe sie sich zu einer Entscheidung habe durchringen können. Er hätte sofort die Zentrale angerufen, aber die hätten einfach keine Helikopter geschickt.

Dann kam der einzige Helikopter anscheinend plötzlich nicht mehr. Einige der Verunglückten hätten zwei Stunden in der Kälte warten müssen, während die Piloten Mittagspause gemacht haben. Als sie dann endlich abgeholt wurden, seien zuerst die Leichen eingeladen worden, die kurz zuvor gefunden wurden, dann die Überlebenden. Als der Hubschrauber voll war, ließen die Piloten erneut einen Mann am Berg zurück. Kaum war der Heli im Tal, schlug das Wetter um – wie so oft am Nachmittag. Erst kurz vor Sonnenuntergang konnte der letzte Mann Berichten zufolge vom Pass geholt werden. Noch Fragen?

Als Konsequenz versprach das Innenministerium nach einer Krisensitzung in dieser Woche, in Zukunft Wetterdaten zur Verfügung zu stellen und besser zu informieren. Künftig solle auch kein Trekking mehr ohne Träger oder Führer erlaubt sein und alle Wanderer sollen sich an Kontrollpunkten beim Betreten und Verlassen der Trekking-Routen registrieren. Auch sollen laut der Tourismusbehörde auf der Annapurna-Circuit-Tour Schutzhütten errichtet werden, um Zuflucht bei Wettereinbrüchen zu bieten. Es ist wohl wie immer und überall, zuerst muß etwas Drastisches passieren, bevor angemessen gehandelt wird.

Doch die berechtigten Zweifel bleiben, ob die Bürokratie zeitnah reagiert. Das Problem ist nämlich, daß die Beamten nicht verstehen (wollen), wie es vor Ort aussieht. Der Grund dafür ist das hinduistische Kastensystem: die meisten Beamten und Politiker gehören zu der höchsten Kaste der Brahmanen, während die Träger und Führer der Touren zu den Stammesvölkern gehören. Es sind also nicht ihre Familienmitglieder, die in den Bergen sterben – unglaublich aber wahr…

Offensichtlich ist es in unserer so globalisierten Welt nicht einmal auf überregionaler Ebene machbar, eine konzertierte Aktion einzuleiten, obwohl das Verhältnis dieser Länder zu Nepal doch „ach so gut ist“. Wo waren die Chinesen und Inder, die über weitaus mehr und bessere Möglichkeiten verfügen, als das kleine Nepal und innerhalb kürzester Zeit am Unglücksort hätten helfen können? In Tibet gibt es eine Vielzahl von chinesischen Militärbasen mit zahlreichen Helikoptern, die innerhalb von einer halben Flugstunde am Annapurna hätten sein können. Eine Atomrakete ergibt leider noch keinen souverän handelnden Staat.

Ich finde, die Chinesen sollten die „Freundschaftsbrücke“ nach Nepal abreißen, sich aus Tibet schleunigst vom Acker machen und sich von mir aus weiter mit Taiwan und Hongkong rumärgern, da haben sie genug zu tun … und die Tibeter ein vielleicht weniger komfortables aber dafür freies und unabhängiges Leben.

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