Das mir das mal passieren würde, hätte ich auch nicht gedacht – obwohl – in China und Tibet war ich auch des öfteren als (westliches und damit exotisches) Fotomotiv erwünscht. Man wird einfach auf der Strasse angesprochen … so zum Beispiel in Xi’an. Ich saß zur Mittagszeit auf einer Parkbank in der Innenstadt, da kam ein Mann gehobenerer gesellschaftlicher Stellung mit seinem Sohn zu mir und fragte, ob sein Sohn sich mit mir unterhalten dürfe, er lerne ja gerade englisch. „Gut“, dachte ich, „Du magst ja Kinder und bist an ihrer sprachlichen und interkulturellen Entwicklung interessiert“. Ich hatte bereits 2010 in Kambodscha einige Tage an einem Volunteer-Programm teilgenommen und mit kambodschanischen Kindern englisch und Computer gelernt. Naja, Letzteres war eher ein Spielen aber durch Spielen lernt man ja angeblich. Nun, so richtig englisch konnte der Kurze nicht wirklich, sein Vater sagte ihm die Fragen vor und er plapperte sie nach. Ob er deren Inhalt wirklich verstand, bezweifle ich. Zumindest gab er keine Antwort, als ich ihn zurück fragte, wie er heißt und wie alt er ist. Sei’s drum, seinem Pa ging’s sowieso nur sekundär um die Sprache, primär schoss er nämlich von mir und seinem Sohn reihenweise Fotos. Als er seiner Ansicht nach genug hatte, schnappte er sich seinen Sohn und verschwand … dabei hatte ich noch so viele Fragen an den Kleinen … Ich sag ja, alles Egoisten, die Chinesen …
Nun laufe ich hier am Sonntagnachmittag im Kloster meditierend auf und ab, da kommt plötzlich, na was wohl, eine Reisegruppe Chinesen zusammen mit zwei unserer Ordens-Mönche zum Sightseeing in unsere heiligen (und stillen) Hallen und Gärten. Naja, wenn die alle so englisch lernen, wie der Kurze in Xi’an, war mir klar, warum sie die massig vorhandenen Schilder „silence please“ nicht verstanden … das dies ein Kloster ist und hier in absoluter Stille meditiert wird, schien die nicht zu interessieren – ebensowenig, wie das Fotografierverbot. „Egal,“ dachte ich, obwohl ich nicht denken sollte, „Du nimmst, also kannst Du auch geben, ganz so, wie es der Herr predigt.“ Also gab ich, massenhaft, Fotos vom meditierenden Jenko.
Was lernen wir daraus? Selbst ohne Facebook-Account ist man nicht davor gefeit, seine Fotos ebendort wieder zu finden … sofern die Chinesen irgendwann einmal Zugang dazu bekommen sollten. Unterschrift der Fotos wird dann entweder „Mein Freund der Wessie“ (Junge aus Xi’an) oder „Umdenkprozess, Wessies suchen den Weltfrieden“ (Gruppe im Kloster) sein. Hoffentlich findet mich da kein potentieller Personalleiter, bei dem ich mich mal bewerbe, die meisten Unternehmen sind nämlich an allem interessiert, nur nicht an einem Friedensbotschafter als Manager – an Meditations- und Selbstreflektions-Skills sowie Manager, die autark in der Lage sind, sich mentalen Ausgleich zu den Anforderungen der heutigen Geschäftswelt zu schaffen, dagegen sehr wohl – aber das ist eine andere Geschichte, die ich später erzähle …
