Das flexible Ich

Der Körper ist meiner Meinung nach nur deswegen für die Konzentrationsübungen bei der Meditation geeignet, weil er uns für die Empfindungen im Hier und Jetzt öffnet und damit ein Schlüssel zur Achtsamkeit ist.

Ein flexibles Ich, das Gedanken zulassen oder ablehnen kann, ist wichtig, da Denken in vielen Situationen notwendig und hilfreich ist. Das „Ich“ ist eigentlich nur eine Hilfskonstruktion des Gehirns, der springende Punkt ist meiner Meinung nach, daß wir zwar Individuen sind aber dennoch eine Einheit ergeben mit dem was uns umgibt. Das gilt ebenso für den Menschen als Ganzes. Wir haben einzelne Bereiche, wie unsere Gedanken, Gefühle und Motorik, jedoch bedingen sie sich immer gegenseitig und ergeben eine Einheit. Da Gedanken wohl von allen Faktoren die größte suggestive Wirkung haben, ist eben ein aktives Beobachten, Zustimmen und Ablehnen so essentiell. Um wirklich zu begreifen, daß sowohl das Teil als auch das Ganze eine Rolle spielt, hat mir folgende Metapher aus einem Buch geholfen, das ich hier geliehen habe: „Wir sind wie Meereswellen. Jede hat ihre eigene Ausprägung, entsteht aber innerhalb eines Ozeans, mit dem sie untrennbar verknüpft ist, aus diesem auftaucht und in den sie wieder eintaucht, ein Ozean, der gewissermaßen aus dem „Stoff“ seiner individuellen Wellen gemacht ist und sich auf eine Weise ausdrückt, die unser Verständnis letztendlich übersteigt.“ (Quelle: „Gesund durch Meditation“ von Jon-Kabat-Zinn).

Um mir die Zeitlosigkeit zu vergegenwärtigen, halte ich mir oft vor, dass das Hier und Jetzt das einzige ist, was materiell wirklich existiert. Trotzdem ist die Gegenwart nicht von der Vergangenheit und der Zukunft zu trennen, da im jetzigen Moment die Vergangenheit erst zum Vergangenen wird und die Zukunft bereits beginnt. Ich benutze zur Hilfe manchmal die Suggestion: „Das Leben besteht aus Augenblicken“. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, zu begreifen, daß der Augenblick selbst zeitlos ist. Die Zeit entsteht erst in unserem Gehirn, indem wir dem Augenblick gedanklich die Vergangenheit und Zukunft hinzufügen. Eigentlich leben wir nur im Augenblick und damit immer nur in der Zeitlosigkeit.

In gewisser Hinsicht steht die leicht passive Achtsamkeit der östlichen Philosophie gar im Gegensatz zu meinen Erkenntnissen der letzten Jahre aus der westlichen Psychologie über den konstruktiven Umgang mit der suggestiven Kraft der Gedanken und Vorstellungen. Beides hat für mich Vor- und Nachteile und die Rolle eines aktiven Beobachters hilft dabei, beides in Einklang zu bringen. Durch regelmäßige Praxis lernt man auch, immer flexibler zu werden, z.B. passiver Beobachter bei der Meditation, aktiver beim Sport und das „normale“ Ich-Verständnis beim Nachdenken über den eigenen Standpunkt. Das haut schon jetzt nach ein paar Tagen Übung hin, erstaunlich oder? Allerdings haben die letzten Tage auch gezeigt, daß hier noch Raum zur Verbesserung ist, da ich manchmal schon merkte, wie ich fließend und spielerisch hin und her wechselte. Es ist wie so oft, die Theorie ist zwar hilfreich aber das Entscheidende ist die Praxis!

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