Aller Anfang ist schwer

Meditation ist harte Arbeit! Zumindest für Novizen wie mich, die sich durch die ersten Tage quälen. Ernüchterung macht sich bei mir breit, dazu gesellt sich Frust und Demotivation. Ich lasse meine rational denkende Gehirnhälfte ran. „Das sind nur Deine Gedanken, die wollen nicht, daß Du das Ruder übernimmst!“, versuche ich mir einzureden. Das hatte ich mir jedenfalls irgendwie anders vorgestellt und dennoch, diese „Leidensphase“ ist durchaus typisch für Neulinge auf dem Gebiet der Meditation. Ich habe mir natürlich hier auch gleich das Hardcore-Programm ausgesucht … naja, so bin ich halt, wenn schon, denn schon.

Hardcore-Programm bedeutet vor allem Vollzeit-Meditation, 12-14 Stunden am Tag, ab 4.30 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Zu essen gibt es Frühstück ab 6 Uhr und Mittagessen ab 11 Uhr, vegetarisch versteht sich. Das war’s, ab 11.30 Uhr heißt es, von den Fettpolstern zehren. Wenn ich denn welche hätte. Ab spätestens 18 Uhr meldet sich bei mir logischerweise der Magen und ich versuche, ihn mit Wasser und Fruchtsäften zu trösten … vergeblich. Folglich geht es regelmäßig mit knurrendem Magen in die Heia.

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Sitz-Meditation … immer im 60-minütigen Wechsel mit der Geh-Meditation

Ein Hardcore-Programm ist das, was ich tue aber auch mental. Ich habe 7 Wochen Reise hinter mir mit tausenden von Eindrücken in kurzer Zeit, war quasi täglich an einem anderen Ort und zudem in Ländern, Regionen und Städten, die hektisch, laut und ungesund sind. Und nun, schwups, von einer Sekunde auf die andere habe ich das komplette Kontrastprogramm, absolute Ruhe und gesunde, ausgewogene Ernährung in einer paradiesischen Umgebung und purer Natur. Hatte ich vorher ständigen Kontakt zu meinen Mitmenschen und eine ganze Reihe von Bekanntschaften geschlossen, bin ich hier umfassend auf mich fokussiert, schweigend, alleine mit meinen Gedanken. Ich kann damit umgehen, weil ich beide Extreme und den Umgang damit kenne, genauso gut kann ich mir aber vorstellen, daß dieser Zustand anderen Menschen Angst bereitet. Wenn das kein Hardcore ist …

Was die ganze Angelegenheit noch schwieriger macht, sind die Rahmenbedingungen. Beim Meditieren wird selbstredend besonders Wert auf Achtsamkeit gelegt. Alle Bewegungen im Rahmen der sitzenden und auch der gehenden Meditation, wie auch sonst alle Aktivitäten, von Pinkeln gehen bis Zähne putzen, geschehen achtsam, also sehr langsam und mit Bedacht. Es gilt ja, die Meditationsobjekte zu beobachten und das kann man am besten, wenn man alles langsam tut und parallel seine Gedanken auf das Meditationsobjekt fokussiert. Leider ist man beim Meditieren jedoch nicht alleine, nein, man wird so von etwa einer gefühlten Milliarde von Moskitos umschwirrt, die es ganz toll findet, daß man sich langsam bewegt oder, wie bei der Sitz-Meditation, am besten garnicht … das macht das Blutsaugen einfacher. Ich fasse das nochmal zusammen: ich soll mich also mit meinen Gedanken ganz auf das Meditationsobjekt fokussieren, das Pi mal Daumen 12-14 Stunden durchgehend am Tag, sagt die Vipassana-Meditationsvorschrift, und lasse mich nebenbei schweigend und mit leerem Magen von einer Horde Moskitos malträtieren … ganz tolle Sache! Den Kollegen neben mir im Zimmer habe ich jedenfalls nur kurz gesehen, der hat vorhin seinen Rucksack gepackt und das Weite gesucht – Weichei!

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Kein Witz – hiermit werden Moskitos gefangen und artig nach draußen gebracht …

Nun, wie meditiert man richtig? Zunächst habe ich gelernt, dass es in der Meditation und generell wichtig ist, nicht gegen Gedanken anzukämpfen sondern sie als Ereignisse zu betrachten, die sich im Bewusstsein abspielen. Tut man das nicht, fällt es noch schwerer sie loszulassen. Also, Gedanken zulassen, registrieren, vorbeiziehen lassen und mit der Aufmerksamkeit wieder zum Konzentrationsobjekt zurück. Klingt einfach oder? Ist es aber nicht! Es ist sauschwer und anstrengend, sich die ganze Zeit auf ein Objekt zu konzentrieren, bei der sitzenden Meditation ist es in der Regel die Atmung, bei der gehenden der Gang an sich, das Auf und Ab des linken und rechten Beines.

Es erscheint mir vorteilhaft, zunächst einmal die Rolle eines passiven und neutralen Beobachters zu üben, um die nötige Distanz zu seinen Gedanken aufzubauen. Danach kann man zum aktiven Beobachter übergehen und seinen Gedanken zustimmen oder sie ablehnen. Wichtig ist, daß man diesen Moment übt. Irgendwann spürt man wohl intuitiv, wie es funktioniert, so weit bin ich aber noch nicht.

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Hier meditieren sogar die Katzen

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