Hupen bitte!

Ich hatte es bereits beiläufig in einem der vorherigen Beiträge erwähnt, der Verkehr in Indien ist notorisch chaotisch, gefährlich und sehr laut. Ich werde auf die Chaos-Pauschalisierung nun mal ein wenig genauer eingehen, damit verständlicher wird, was ich meine. Eins vorweg: Inder benutzen ihre Hupe jederzeit – und bauen üble Unfälle.

Zudem dauert es nicht mehr lange, dann wird Indien einer der drei größten Automärkte der Welt sein. Schon heute ertönt in dem Land das größte Hupkonzert der Welt. Die Hupe ist die Allzweckwaffe des indischen Autofahrers. Sie wird abgefeuert zum Abbiegen, Bremsen, Anfahren, Beschleunigen, beim Spurwechsel, zur Warnung, zur Freude, zu Begrüßung, zum Abschied. Das Signalhorn ersetzt den Blinker, das Licht – und häufig genug auch den Verstand. Beim Abbiegen den Blinker setzen? Weit gefehlt, dafür gibt es doch die Hupe. Überholen, bremsen, losfahren, parken – ohne hupen geht das nicht. Und doch ist die Zahl der Verkehrstoten in Indien so hoch wie in kaum einem anderen Land der Welt, daran dürften auch die jüngsten automobilen Absatzzahlen nichts ändern.

image

Indien live …

Das indische Straßennetz ist katastrophal, gerade einmal ein Drittel aller Dörfer ist überhaupt rund ums Jahr auf „Allwetterstraßen“ erreichbar. In den Städten liefern sich Autos, Lastwagen, Busse, Mopeds und Rikschas tagtäglich einen Kleinkrieg. Unfälle – mal harmlos, mal tödlich – sind an der Tagesordnung. Trotz der nervigen Hupkonzerte.

Immer wieder versuchen Bürgerbewegungen, durch „Nicht hupen“-Schilder in den Millionenmetropolen den Lärm zu stoppen – bislang erfolglos. Das Signalhorn bleibt die Allzweckwaffe, die jeder vom einfachen Tuk-Tuk-Fahrer bis hin zum Chauffeur der Superreichen benutzt. Wenn der Vordermann in der dritten Reihe parkt, wird genauso gehupt wie im Stau und sogar für den Vogel auf der Straße – schließlich könnte man ja als Tier wiedergeboren werden.

Die meisten Fahrer glauben daran, dass das Signal sie vor Unfällen mit Ochsenkarren, Kühen, Ziegen, Fußgängern und was weiß ich was noch alles bewahrt. Selbst in Fahrschulen wird Hupen als eine Form des Selbstschutzes gelehrt. Im Land gibt es deswegen spezielle Maler, die ihr ganzes Berufsleben lang reich verzierte Buchstaben auf die diversen Verkehrsmittel im Land schreiben. „Horn please“, bitte hupen, heißt es in bunten Lettern auf der Ladeklappe jedes Lastwagens, jedes Busses, jeder Rikscha. Das erspart dem Fahrer den Blick in den Rückspiegel.

image

Wer kann da noch widerstehen?

Nur, bringen tut dies wenig. In diesem Jahr sind allein in Delhi 110 Menschen von den Linienbussen der Stadt überfahren worden. Jeder fährt, wie es ihm gefällt. Zwischen allen Fahrspuren oder auf dem Fußweg, biegt gedankenverloren ab ohne zu gucken, parkt auf einer Kreuzung oder Autobahn – bis jemand hupt. Nicht einmal. Nicht zweimal. Sondern lang anhaltend: 10 Sekunden, 15 Sekunden, 20 Sekunden. Alles andere wird ignoriert.

Hupen im Stau ist besonders beliebt. Ich saß im Bus auf der gefürchteten Ring Road Delhis, dort ruhte mal wieder der Verkehr – und wir standen ganz am Ende des Staus. Der Busfahrer hupt seinen Vordermann an. Energisch. Rhythmisch. Ohne Nachlass. Möge dieser endlich den Weg frei machen und ihn durchlassen. Wie? Egal! Nicht sein Problem. Soll der Vordermann doch seinen Vordermann anhupen. Und der wiederum seinen.

Rücksicht ist im Hupkrieg keine Tugend, drängeln schon. Jeder gewonnene Zentimeter Asphalt ist ein nicht mehr zu nehmender Sieg. Ist die Lücke auch noch so klein, sie wird hupend erobert. Und stockt der gesamte Verkehr dadurch erst recht – macht nichts, schließlich ist wenigstens ein Fahrer einen Meter vorangekommen.

Zum 1. Januar hatte Delhis Polizei den hupfreien Tag ausgerufen – um das neue Jahr friedlich zu begrüßen und nach durchböllerter Nacht die Nerven der Einwohner zu schonen, 2015 wird auch so beginnen … na, da bleiben dann ja nur noch 364 Tage übrig …

Vielleicht hätte der Busfahrer an diesem Tag auch wieder die Sirenen des Rettungswagens gehört, der seit Minuten heulend und blinkend wie ein Christbaum hinter dem Bus stand. Es interessierte ihn nicht. Eine Rettungsgasse zu bilden, zur Seite zu fahren oder zu stoppen, um einem vielleicht lebensgefährlich Verletzten die rasche Ankunft im Hospital zu ermöglichen, kommt einigen Indern nicht in den Sinn: Man könnte im Kampf um den nächsten Zentimeter Asphalt ja unnötig zurückfallen …

Dieser Beitrag wurde unter Indien, Reisebeitrag veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar