Indian Railway

Bahnfahrten in Indien sind ein besonderes Erlebnis. Die Bahn ist ein „Traditionsbetrieb“, der unglaublich präzise funktioniert, betrachtet man die Größe des Landes und die Vielzahl an Verbindungen, selbst in kleinere Städte.

Klar muß man auch bei der Indian Railway wie bei allem in Indien die „indian flexible time“ zugrunde legen. Indische Zeit ist relativ, das bedeutet: Ein Treffen um 15 Uhr kann um 15 Uhr stattfinden – oder auch um 16 Uhr. Oder sogar noch später. Pünktlichkeit an sich mag keinen hohen Stellenwert haben – andererseits ist sie auch schwer einzufordern. Der indische Alltag ist voller Improvisationen, sodass es nicht unbedingt am mangelnden Willen der Menschen liegen muss, wenn sie erheblich später eintreffen als geplant.

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In indischen Zügen gibt es sogar extra „Wessie-Toiletten“

Für den westeuropäischen Besucher besonders frustrierend ist die „orientalische Geduld“, wenn man sie live miterlebt. Zum Beispiel, wenn der Überlandbus mitten in der Nacht zusammenbricht und man stundenlang auf Ersatz warten muss. Während Reisende in solchen Situationen leicht die Nerven verlieren, bleiben Inder stets gelassen – sie regen sich einfach nicht auf, sehr lobenswert!

Ebenso ist es auch beim Bahnfahren. Es gibt zwar grundsätzlich Abfahrts- und Ankunftszeiten der Züge, diese sind aber in der Regel Makulatur. Ich hatte nur ein-/zweimal das Erlebnis halbwegs pünktlich anzukommen, üblich sind Verspätungen zwischen 60 und 90 Minuten … oder auch 8 Stunden, wie mir eine Frau in Jodhpur verriet, die mit ihrem Sohn reiste. Ja, so ist Bahnfahren in Indien …

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Naja, da kann man schon mal 8 Stunden Verspätung haben …

Man fährt in Indien mit der Bahn zu Ticketpreisen, die so niedrig sind, dass ich mehrfach nachrechnen musste, bevor ich glaubte, dass kein Rechenfehler zu Grunde liegt. Daher sind die Züge auch meist schon Wochen im Voraus ausgebucht, vor allem die AC Sleeper Klassen 1-3, die man für seine Reisen unbedingt benutzen sollte. Es gibt zwar auch die Cattle Class ohne AC (Air Conditioning = Klimatisierung) und Sitzplatzreservierung, diese ist jedoch ausschließlich hartgesottenen Travellern, die hart im nehmen sind, zuzumuten. Ich hab da dankend abgelehnt, nachdem ich mir das Schauspiel mal live angeschaut habe. Da haut der Bahnhofs-Schaffner schon mal mit dem Knüppel in die Menge, die den Zug vor Stillstand mit Mann und Maus, diversem Getier und Säcken voller Gepäck (oder Teilen der letzten Ernte) besteigen will, um einen Platz in den hoffnungslos überfüllten Waggons zu ergattern … so erlebt in Varanasi, sehr cooles Schauspiel …

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Die Sleeper-Klasse ist unbedingt zu bevorzugen …

Eine besonderes Vergnügen ist es, die Tickets über Internet zu bestellen. Nutzt man seinen zuvor angelegten Benutzerzugang, hat man Einblick in den Fahrplan, alle Klassen und die Anzahl der noch buchbaren Plätze … die Bezahlung erfolgt mittels Kreditkarte und eine Rückerstattung bei rechtzeitigem Storno ist ebenfalls gewährleistet und klappt einwandfrei. Das elektronische Ticket kann man sich an einer Smartphone-App abrufen und abspeichern, inkl. Live-Auskunft zum aktuellen Zugverlauf – ist ja bei den Verspätungen nicht ganz so verkehrt. Das nenne ich doch mal modernes Reisen, vor allem für ein Schwellenland wie Indien. Aber was HighTech angeht, sind die Inder ja eh ziemlich weit vorne.

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… wer will kann aber auch so reisen

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Es ist eine ziemliche Herausforderung, bei der Abfahrt das richtige Gleis heraus zu bekommen, das steht nämlich bis kurz vor Ankunft nicht so ganz genau fest. Ist ja klar, wenn alle Züge, die so im Tagesverlauf ankommen, nennenswerte Verspätungen haben, kann man schon mal durcheinander kommen bei der Organisation der ein- und ausfahrenden Züge. Selbst die Einheimischen haben oft keinen Plan, was abgeht (oder ankommt). Jemanden zu fragen führt nur dazu, daß man sich in trügerischer Sicherheit wägt … und seinen Zug verpasst. Das wäre mir um Haaresbreite mehrfach fast passiert … aber zum Glück hatten die Züge Verspätung …

Hat man dann das richtige Gleis gefunden, ist man jedoch noch lange nicht in seinem Waggon. Einen Wagenstandsanzeiger deutschen Vorbilds sucht man hier vergeblich, zudem sind die Züge ellenlang, nicht selten 20-25 Waggons und mehr. Die alle mit ganzem Gepäck bei 35 Grad im Schatten abzulaufen, bedarf schon einer gewissen Physis. Nun, die habe ich ja.

Hat man dann den richtigen Wagen gefunden, hängt da ein Computerausdruck (richtig, ein Papierausdruck, mit Kartonkleber an den Waggon geklebt) an der Tür mit den Namen aller gebuchten Reisenden und der entsprechenden Platzreservierung. HighTech-Land Indien halt …

Insgesamt jedoch ein tolles Erlebnis, in all dem Gewühle und Durcheinander zu sehen, daß eine Buchung geklappt hat, wenn man dann letzten Endes tatsächlich auf seinem gebuchten Platz sitzt.

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