Genug der Vorworte, nun ist es soweit, am Freitag, den 19.09.2014 geht es gegen 13.05 Uhr mit Zug 070 ab dem Moskauer Bahnhof Jaroslawl über Rostov (224 km), Perm (1437 km), Ekaterinburg (1818 km), Tjumen (2144 km), Omsk (2716 km), Nowosibirsk (3343 km) und Krasnoyarsk (4105 km) nach Irkutsk am Baikalsee, wo man nach 5193 km Zugstrecke und 87 Stunden Bruttofahrzeit ankommt. Die durchschnittliche Geschwindigkeit kann der geübte Mathematiker nun selber ermitteln, dem ungeübten sei sie mit rund 70 km/h hiermit kund getan.

kaum zu glauben aber bei endlosen Waggons schafft die nur 70 km/h … aber vielleicht liegt’s auch am Streckennetz …
Ich werde auf einzelne Ereignisse und Themen während der Reise separat eingehen, insofern sie mir erwähnenswert erscheinen, ansonsten gleicht sich der Tagesablauf in großen Teilen. Größere Spannung kommt lediglich bei den Ankünften auf den größeren o.g. Bahnhöfen auf, die Aufenthalte dort stellen auch die einzige Abwechslung und Bewegungsmöglichkeit im Freien während der langen Zugfahrt dar. Leute steigen aus, auch aus dem eigenen Abteil. Wer wird der Neue sein? Ein Russe oder doch ein Tourist? Vorstellungsrunde! My name is Jenko and yours? Schweigen … meistens zumindest. Erstaunlicherweise können die meisten Russen kein oder nur ganz rudimentär englisch. Es geht trotzdem … immer … irgendwie … und oft bleibt es nicht bei dem ersten Kennenlernen, man möchte gegenseitig mehr voneinander wissen. Das ist spannend , herausfordernd und vertreibt die Zeit. Von Andy und Carmen, ein Schweizer Pärchen, das mit mir reist und zwei Abteile weiter „wohnt“, weiß ich, daß das Reisen in der „normalen“ Transsib, die auch die Einheimischen benutzen, durchaus auch dem gängigen Klischee entsprechen kann. Andy, eher einfach gestrickt (O-Ton: Das Lesen ist nicht so meins, eher das Trinken), war durchaus angetan, als sein russischer Mitreisender am Abend von Freitag auf Samstag seinen 5-Liter-Kanister Vodka raus holte und ihm die russische Gastfreundschaft damit näher bringen wollte. Am heutigen Samstag habe ich Andy übrigens noch nicht gesehen … es ist jetzt 15:34 Uhr … Carmen schon.

Andy und Carmen am „day after“. Naja, wir sehen alle nicht so gut aus nach 4 Tagen ohne waschen, duschen und teilweise schlafen …
Irgendwie tut man sich bei der Fahrt durch die scheinbar endlosen Weiten Sibiriens und durch diverse Zeitzonen mit der Orientierung in Bezug auf die Tageszeit schwer. Man hat durch die Monotonie nach einiger Zeit kein Gefühl mehr dafür, wann es an der Zeit ist, Mittag oder Abend zu essen oder zu Bett zu gehen. Ich für meinen Teil habe mir die 5 Stunden Zeitunterschied zwischen Moskau und Irkutsk in Scheibchen geteilt und bin jeden Tag eine Stunde früher schlafen gegangen und aufgestanden. Bei 4 Nächten im Zug habe ich folglich mein Trainlag-Risiko (kleines Wortspiel von Jetlag) quasi eliminiert und kann den Tag bei Ankunft in Irkutsk im richtigen Rhythmus beginnen.
Nein, der Reiz dieser Reise liegt nicht in der Action, außer bei Andy … aber erst morgen wieder. Die Schweizer halt, können nichts ab. Der Reiz der Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn liegt vielmehr in der scheinbaren Unendlichkeit der Fahrt durch die Einsamkeit Sibiriens, die Weite der sich langsam in Taiga und Tundra verwandelnden Landschaft, Steppe bestimmt mehr und mehr das Bild, je weiter man nach Osten kommt. Er liegt in der Unterschiedlichkeit der Menschen, die einem begegnen, der grandiosen Farbkontraste der Natur, gerade jetzt im beginnenden Herbst, der hier schon etwas weiter fortgeschritten ist und nicht zuletzt in dem Erlebnis quasi eine Bahnreise durch einen ganzen Kontinent zu machen, die in einem Kontinent, nämlich Europa, beginnt und am äußersten Ende eines weiteren Kontinentes, nämlich des größten, Asien, in China endet. Der Sonne entgegen … und der Nacht, immer im Wechsel. Eine solche Reise ist etwas für naturverbundene Menschen, für die Einsamkeit keine Bedrohung ist, sondern eine Herausforderung, denen das Gefühl der Freiheit ein Bedürfnis ist und der unbändige Wind Sibiriens in ihren Haaren ein Ausdruck dieser Freiheit.
Insofern ist eine solche Reise sicher nicht für jedermann geeignet aber ein Muss für jeden, der eines der letzten gefühlten Abenteuer in einer doch so gleichförmig und berechenbar gewordenen globalisierten Welt sucht.


