Langsam! Bevor ich mich mit dem Reich der Mitte beschäftigen konnte, musste noch ein, so dachte ich, heikler Grenzübertritt von der Mongolei nach China bewältigt werden. Nach meinen Erfahrungen diesbezüglich bei der Pass- und Gepäckkontrolle von Russland in die Mongolei, vermutete ich ähnliche endlose Warterei in der Einöde und schlecht gelaunte Grenzbeamte. Naja, Beamte nach deutschem Vorbild waren das wohl nicht, kaum vorstellbar, daß ein solches Modell noch in anderen Ländern dieser Erde existiert, eher Staatsangestellte, aber ob’s das besser macht? Und schlechte Laune kann man der exekutiven Grenzsicherung auch kaum vorwerfen, wenn man tagein, tagaus Horden überwiegend westlicher Touristen mit oft ebensolchen Manieren und teils alkoholisiert in die mongolische Steppe entlassen darf. Deshalb explizit – kein Vorwurf!
Die Ausreise aus der Mongolei verlief erwartungsgemäß unspektakulär. Zu meinem und zum allgemeinen Erstaunen der meisten Mitreisenden gestaltete sich die als kritisch erachtete Einreise nach China jedoch ebenso unspektakulär, zumindest in Bezug auf die Immigrationsformalitäten. Dies überrascht, weiß man doch um die sehr regulative und zensierende Natur der konservativen kommunistischen Regierung Chinas, um es mal vorsichtig auszudrücken. Mir war noch gut im Gedächtnis, wie die Studentenproteste auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 weniger friedlich, eher brutal und blutig niedergeschlagen wurden und in welchen Genuss der leidenschaftlichen Überwachung des Internets jeder seiner Nutzer in China kommt. Dagegen ist jede professionelle Firewall und Kinderschutzsicherung ein harmloser Klettverschluss. Ich kann das bestätigen, bei bestimmte Google-Anfragen (z.B. China Kommunismus) kommt ein seltsamer Seiten-Ladefehler. Die können sogar deutsch! Erfreulicherweise war dem jedoch garnicht so, wir wurden lediglich zweimal kontrolliert, von Immigrations- und Zollbehörde und selbst die obligative Gepäckkontrolle fiel aus.
Nun, dann sind wir schnell durch, dachte ich, doch weit gefehlt. Uns stand nämlich die allseits mit Spannung erwartete Umrüstung des Zuges auf die schmalere Spurbreite des chinesischen Schienensystems bevor. Diese ist nämlich weltweit einmalig, tatsächlich ein Spektakel und ein technisches Wunderwerk. Die Waggons werden einzeln entkoppelt, zusammen in eine Art Stellwerk gefahren und mit einer, so meine Vermutung, hydraulischen Hebeeinrichtungen, 4 Stück je Waggon – vorne, hinten, links, rechts, ca. 3 Meter in die Luft gehoben, während unter dem Rock das Höschen, äh, die Achsen gewechselt werden – das alles bei voller Beladung und mit allen Reisenden an Bord! Die Achsen werden auf eine Art Schienensystem heraus gefahren und die schmaleren Achsen herein gefahren. nachdem die Waggons auf die neuen Achsen gesetzt wurden, wird das Höschen wieder zugeschnürt, mensch, ich meine natürlich, die Achsen fixiert. Irgendwie habe ich heute obszöne Hintergedanken aber das sei nach den vielen Reisewochen ja mal erlaubt ;-).
Nachdem diese spannende Prozedur beendet war, rollten wir gegen Mitternacht endlich in das Reich der Mitte.


