Es ist Sonntagmorgen, die erste Nacht an Bord ist vorüber, sie war ruhig. Die gestrige Anreise, das langsame Entschleunigen und die Seeluft haben vermutlich dazu beigetragen, daß ich tief und fest rund 9,5 Stunden geschlafen und somit das Frühstück fast verschlafen habe. An Bord gibt es feste Essenszeiten, Frühstück 8-9 Uhr, Mittagessen 12-13 Uhr, Kaffee und Kuchen 15-15.30 Uhr und Abendessen 17.30-18.30 Uhr.
Jaja, nicht nur, daß die jeweils maximal 1 Stunde knapp bemessen ist , vier üppige Mahlzeiten am Tag stellen, insbesondere in Anbetracht der vielfältigen Sportmöglichkeiten an Bord ;-), eine Herausforderung an Wille und Disziplin dar, will ich nicht gleich bei der Ankunft in St. Petersburg neben meinem rund 20-Kilogramm-Rucksack und meinem 8-Kilogramm-Daypack auch noch 1-2 zusätzliche Kilogramm Hüftgold mit mir rumschleppen.
Sei’s drum, zur Ablenkung gibt’s immerhin Sauna, Swimmingpool (ca. 3×2 Meter, müßte eigentlich Relaxingpool heißen), Whirlpool (das ist dann der Relaxingpool) und Fitnessraum (2 Ergometer aus Ur-Omas Zeiten; FitnessRAUM deshalb, weil sie gerade so in den 2×2 Meter großen (?) Raum passen). Mehr ist nicht mit Ablenkung, die Passagiere sind überwiegend Fernfahrer der unzähligen Fracht-LKWs an Bord sowie einige gelangweilte oder mit der ungewohnten freien Zeit überforderte Touristen oder Privatleute mit oder ohne eigenen PKW.
Das Schiff, die Finntrader der Finnlines-Linie braucht für die gut 1.450 Kilometer von Lübeck nach St. Petersburg rund 2,5 Tage. In dieser Zeit sind Kommunikationsmedien der Gegenwart nicht verfügbar und somit die für deren Nutzung notwendigen Endgeräte quasi unbrauchbar. Dieser für den Homo Sapiens des digitalen Zeitalters ungewohnte Zustand führt zwangsläufig früher oder später zu einer Art Entzug, man wird quasi digital zwangsentgiftet! Wohl dem, der sich bereits frühzeitig mit diesem möglichen Worst-Case auseinander gesetzt und entsprechend vorgesorgt hat.
Ich für meinen Teil habe mich primär mit literarischem Futter ausgerüstet und versuche (und werde das auch schaffen), seit Jahren mal wieder das eine oder andere Buch komplett durchzulesen. Ich gebe zu, so ganz analog bin ich dabei auch nicht unterwegs, da die notwendige Gewichtsoptimierung in Bezug auf die Sachen, die ich die kommenden Wochen und Monate mit mir rumschleppen werde, mich dazu zwingt, das angesprochene literarische Futter in Form von eBooks und PDFs mit mir zu führen. Sei’s drum, der Wille ist da und von Rüdiger Nehbergs (ja, der Survival-Guru) Autobiographie habe ich bereits knapp ein Drittel geschafft.
Die Alternative zum (passiv-literarischen) Lesen ist mittlerweile das Bloggen geworden. Bloggen ist ja quasi nichts Anderes als das Tagebuchschreiben der (digitalen) Neuzeit mit zusätzlichen Interaktionsmöglichkeiten. Bei den herkömmlichen analogen Tagebüchern gibt’s zwar auch Interaktion, meistens jedoch negative, weil jemand unberechtigterweise darin gelesen hat. Das ist beim Bloggen anders, da ist das Darinlesen explizit gewünscht. Meistens zumindest. Hier auf jeden Fall!
Ich habe gehofft, daß sich das mit dem Bloggen positiv entwickelt und ja, es macht definitiv Spaß, seine Gedanken, Erlebnisse und Erfahrungen in Worte niederzuschreiben und zwar zeitnah zum Erlebniszeitpunkt. Bloggen ist somit quasi die aktiv-literarische Praxis des ge-lebten Buddhismus, da man sich mit dem Er-lebten auseinander setzt, es hinterfragt, bewertet, einordnet und, eingebettet in einen Hauch Subjektivität, seinen Mitmenschen als Denkansatz zur Verfügung stellt – im Hier und Jetzt.