Auf der tibetischen Hochebene nach Westen

Fünf Tage in Lhasa reichen mir wirklich und ich war am Sonntag schon froh, mal raus zu kommen zum Ganden-Kloster … auch wenn’s nur 70 Kilometer entfernt war. So überwiegend positiv, wie die erste Berührung mit Tibet und den Tibetern auch war, in Lhasa war mir einfach der chinesische Einfluß noch zu groß und irgendwie hatte ich von China und den Chinesen nun auch genug. Ehrlich, das hatte ich auf all meinen Reisen bisher erst einmal, daß ich „genug“ hatte von den Einheimischen, das war 1998 in Marokko.

Reiseroute Tibet

unsere Reiseroute durch Tibet – tageweise

Glücklicherweise trat genau das ein, was ich erhofft hatte, je weiter wir in das tibetische Hinterland vordrangen, desto authentischer und unbeeinflusster von China wurden die Dörfer, als Stadt will ich hier nur Shigatse mit rund 50.000 Einwohnern bezeichnen. Sogleich das erste Teilstück am Montag von Lhasa über Nagarze am Yamdrok-tso-See bis nach Gyantse hatte es landschaftlich in sich und man kann sie getrost als spektakulär bezeichnen. 70 Kilometer hinter Lhasa zweigt, kurz hinter der von chinesischen Soldaten bewachten Brücke über den Brahmaputra, die landschaftlich reizvollere Süd-Route nach Gyantse ab. Von hier aus sind es noch rund 700 Kilometer bis zur nepalesischen Grenze. Zunächst ging es in langen Serpentinen bis auf den 4.794 Meter hohen Kamba-la-Pass. Die Landschaft ist steinig und fast völlig vegetationslos. Sobald wir die Passhöhe erreicht hatten, eröffnete sich uns eine atemberaubende Aussicht auf den türkisblauen Yamdrok-tso-See, der wie ein riesiger gezackter Saphir unten im Tal glitzerte, in der Ferne eingerahmt von einer majestätischen Kette schneebedeckter Bergriesen.

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Blick auf den Yamdrok-tso-See

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vom 4.794 Meter hohen Kamba-la-Pass

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Gebetsfahnen – weil auch Seen sind heilig – und sollen dem Reisenden Glück bringen

Die Abfahrt vom Kamba-la-Pass hinunter zum knapp 4.500 Meter hoch gelegenen Yamdrok-tso-See gehört zu den schönsten Strecken auf dem Friendship-Highway. Immer wieder eröffneten sich uns neue, andersartige Blickwinkel auf die grandiose Berglandschaft, bis wir in weiten Kurven schließlich die grasbewachsenen Ufer des Sees erreicht hatten. In Nagarze, der einzigen größeren Ansiedlung am See, machten wir Mittagspause. Auch hier wird man, wie in vielen anderen ländlichen Gegenden von den Problemen Tibets eingeholt: heruntergekommene Bruchbuden aus Beton, bittere Armut, überall liegt Müll herum, in dem struppige, magere Kühe wühlen. Neben den älteren scheinen auch viele der jüngeren Männer den ganzen Tag auf der Hauptstrasse herumzulungern, von Zeit zu Zeit eingehüllt in die Staubfahnen durchbrausender Lastwagen, Landcruiser oder Armeefahrzeuge. Auffällig ist, daß schwere und unattraktive Arbeiten (Bauarbeiten, Müllabfuhr, Strassenreinigung, etc.) oftmals von Frauen erledigt werden.

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Berglandschaften …

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… auf der Abfahrt vom Kamba-la-Pass

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In dieser unwirtlichen Gegend fressen die Tiere alles – auch Plastik und Karton!

Deshalb ist es gut, daß wir zum Mittagessen drinnen sind, ich esse nichts, trinke dafür meinen ersten Buttertee und bin danach froh, nichts gegessen zu haben. Das Gebräu schmeckt exakt so eklig, wie es in zahlreicher Literatur beschrieben wird. Never again! Auch wenn Sonam, unser Guide, beteuert, daß man nur zwei Buttertees am Tag trinken muß und dann auf den Lippenbalsam verzichten kann. Letzteres habe ich zwar nicht mit aber bei der Alternative nehme ich es dann doch liebend gerne in Kauf, daß meine Lippen bei der kalten trockenen Luft spröde und rissig werden.

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Auf 5.045 Meter …

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… der Karo-la-Pass

Von Nagarze steigt die Strasse in lang geschwungenen Kurven an bis zum 5.045 Meter hohen Karo-la-Pass, der vom mächtigen, 7.223 Meter hohen Gipfel des Nöjin Kangsa überragt wird. Wir bekommen bei grandiosem Wetter ebenso grandiose Aussichten geboten … ein perfekter Tag. Auf der Passhöhe flattern, wie fast überall in Tibet, Gebetsfahnen in allen erdenklichen Farben, die den Durchreisenden Glück bringen sollen. Danke, hat bisher prima geklappt!

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Nach weiteren 60 Kilometern tauchte gegen Abend am Horizont der mächtige Gyantse-Dzong auf – die einzige Burg in Tibet, die von den Zerstörungszügen der „Befreiung“ einigermaßen verschont geblieben ist. Gyantse besitzt noch eine weitgehend intakte tibetische Altstadt zu Füßen des Klosters Pälkhor Chöde, das zu den sehenswertesten Klosteranlagen Tibets zählt und demnach auch auf unserem Besichtigungsprogramm für den Dienstagmorgen eingeplant war. Vor allem der Gyantse-Kumbum, ein von innen begehbarer, mehrstöckiger Chörten – ein symbolischer Schrein Buddhas in Form eines Mandalas -, ist in seiner Anlage einzigartig in Tibet.

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Der Gyantse-Dzong

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Der Gyantse-Kumbum, ein symbolischer Schrein Buddhas in Form eines Mandalas

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Gebetsbücher im Kloster Pälkhor Chöde

Nach der Besichtigung des Klosters mit Kumbum ging es dann am Dienstagmittag 95 Kilometer weiter Richtung Shigatse, der zweitgrößten Stadt Tibets mit gut 50.000 Einwohnern. „Oje“, dachte ich, „jetzt wird der Chinesenanteil wieder zunehmen“. Die Sorge war umsonst … Shigatse ist zwar keine Schönheit, dafür jedoch noch weitgehend „in tibetischer Hand“ und bietet infrastrukturell alles, was man benötigt für die danach anstehende Weiterreise in die bevölkerungsarmen Gebiete Tibets.

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Shigatse, vom Tushilhunpo-Kloster überragt

Die Fahrt dorthin war eintönig und deprimierend. Die Strecke führte durch lehmbraune, staubige Bergtäler, die mageren Felder pflügten tibetische Bauern mit ihren Yaks oder altertümlichen Traktoren. An vielen Hauswänden kleben, ordentlich aneinander gereiht wie Bienenwaben, breit geknetete Klumpen dunkelbraunen Yak-Dungs, der in dieser holzarmen Gegend als wichtiger Brennstoff dient. Auf den Dorfstrassen spielen die Kinder zwischen quiekenden Schweinen und herrenlosen Hunden, die sich hier bisweilen zu ganzen Meuten zusammenrotten und herumstreunen.

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wichtiger „Rohstoff“ in dieser unwirtlichen Gegend – Yak-Dung

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auch bei der Feldarbeit sind vor alllem die Frauen gefragt

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wenig Abwechslung für die Kinder – mithelfen ist angesagt … oder für die Touristen posieren …

Shigatse besaß einst ebenfalls eine prächtige Burg auf einem Hügel im Norden der Stadt, die jedoch von den „Roten Garden“ bis auf die Grundmauern zerstört wurde. Das Tashilhunpo-Kloster, die Hauptattraktion der Stadt, war der traditionelle Sitz des Panchen Lama, also des nach dem Dalai Lama zweitwichtigsten religiösen Würdenträgers im alten Tibet. Das Kloster ist eines der 13 tibetischen Klöster, die wenigstens teilweise unbeschädigt erhalten geblieben sind. Es besticht durch seine schiere Größe der Anlage und durch seine faszinierende Athmosphäre: in düsteren Gebetshallen mit geheimnisvollen Seitenkapellen leuchten riesige goldene Buddhaskulpturen und Stupas mit den nach der Feuerbestattung verbliebenen Überresten der zahlreichen Panchen Lamas. Prächtige Wandmalereien und sachte schwankende Thangkas, Rollbilder aus Stoff mit religiösen Motiven umgeben die Gebetshallen. In den engen, verwinkelten Gassen des Klosterkomplexes gehen rot gekleidete Mönche ihrer täglichen Arbeit nach oder halten im Schatten einen kleinen Schwatz.

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das Tashilhunpo-Kloster beim Sonnenaufgang

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auch Mönche brauchen warme Schuhe

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