{"id":808,"date":"2014-11-21T07:23:19","date_gmt":"2014-11-21T05:23:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.jenko.de\/?p=808"},"modified":"2014-11-21T07:58:41","modified_gmt":"2014-11-21T05:58:41","slug":"veraenderte-menschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.jenko.de\/?p=808","title":{"rendered":"Ver\u00e4nderte Menschen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon sehr auffallend, wie sehr der Tourismus und die tempor\u00e4re Anwesenheit von &#8222;reichen&#8220; Menschen, Inder wie Ausl\u00e4nder, das Verhalten der Bev\u00f6lkerung eines Landes pr\u00e4gen kann. War es in Varanasi noch recht angenehm, durch die Stadt zu spazieren, wurde dies selbst im beschaulichen Khajuraho schon wesentlich unangenehmer und erreichte in Agra, Delhi und vor allem in Jaipur ungeahnte H\u00f6hen an penetrantem bis hin zu agressivem Anbiedern dubiosester &#8222;Leistungen&#8220;.<\/p>\n<p>Das Schlimme dabei ist, da\u00df selbst die Kinder von jungen Jahren an lernen, sich zu verkaufen. Dagegen ist ja grunds\u00e4tzlich nichts einzuwenden aber die Art und Weise ist erschreckend. Ich wurde mehrfach von Schn\u00f6seln, die vielleicht gerade mal so alt waren wie mein Julian, beschimpft, angerempelt, gezogen oder mit Wasser bespritzt, nur weil ich gerade keine Lust hatte, mich mit ihnen entgeltlich fotografieren zu lassen oder f\u00fcr eine Frage nach dem Weg zur Toilette einer 20-Rupees-Forderung nachzukommen. Die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit geht diesen Kindern v\u00f6llig fl\u00f6ten, wenn man dem nachgibt, was sicher viele Reisende eingesch\u00fcchtert tun. Von 20 Rupees (= 25 Cent) m\u00fcssen sich nicht wenige Menschen in Indien einen Tag ern\u00e4hren! Das diese Kinder als Erwachsene ebenso agieren, ist nur allzu sonnenklar.<\/p>\n<p>Was ich mit diesem Beispiel sagen will, ist, da\u00df Tourismus in Drittwelt- bzw. Schwellenland f\u00fcr viele Bereiche eine unheilvolle Symbiose darstellt, der man mit bewusstem Handeln begegnen mu\u00df. Und die positiven Seiten sind auch nur dann welche, wenn man bewu\u00dft handelt und sich \u00fcber die Probleme im Klaren ist.<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht und meinen Erlebnissen f\u00fchrt der (Fern-)Tourismus in Dritte-Welt- und Schwellenl\u00e4nder sehr oft zu einem Kulturverfall. Das habe ich auf allen Kontinenten dieser Welt erleben d\u00fcrfen und hier in Indien ist es nicht anders. Damit einhergehend stelle ich zunehmend eine Verwestlichung der Sitten, Verfall von Brauchtum, Orientierungslosigkeit und eine Kommerzialisierung von Traditionen fest.<\/p>\n<p>Durch den Tourismus erleben die Einheimischen hautnah, dass man in der westlichen Indust\u001friegesellschaft offenbar leicht zu gro\u00dfem Wohlstand gelangen kann. Deshalb hat f\u00fcr sie das Verhalten der Fremden Vorbildcharakter, im Guten wie im Schlechten. Da zumindest dem \u00e4u\u00dferen Anschein nach bei dieser Lebensweise Sitten, Brauchtum und feste Rituale als veral\u001ftet und blockierend gelten, geht mit der Verwestlichung der Sitten auch der Verfall von Brauchtum einher. Dies muss als \u00e4u\u00dferst bedenklich eingestuft werden, da nicht nur eine ur\u001falte und hochentwickelte Kultur untergeht, sondern auch schlechte Gewohnheiten und Eigen\u001fschaften wie falsche Ern\u00e4hrung und damit verbundene Krankheiten, Alkoholgenuss sowie eine rein materialistische Sicht der Dinge \u00fcbernommen werden. Au\u00dferdem wird sich nach kurzer Zeit Orientierungslosigkeit einstellen, da man in keiner Kultur mehr richtig verhaftet ist. Diese Entwurzelung kann im schlimmsten Fall sogar zu radikalen Verhaltensweisen wie religi\u00f6sem Fanatismus f\u00fchren, der eine R\u00fcckbesinnung auf \u00fcberkommene Werte anstrebt. Die Kultur jedoch bleibt zerst\u00f6rt und ist wie in den Industrienationen kommerzialisiert oder als Zerrbild bei Tourismus f\u00f6rdernden Folkloreveranstaltungen (siehe unten: Tourismus-Soap) zu sehen.<\/p>\n<p>Auf andere Themen, die in diesem Zusammenhang diskussionsw\u00fcrdig sind, gehe ich hier gar nicht n\u00e4her ein, das w\u00fcrde den Rahmen und den Zweck dieses Blogs sprengen. Mir reicht es, wenn ich mit ein paar kritischen Zeilen zum Nachdenken anrege und f\u00fcr die Probleme sensibilisiere. Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sollen die wichtigsten Problemfelder jedoch kurz genannt werden &#8230;<\/p>\n<p>&#8211; sexuelle und monet\u00e4re Ausbeutung<\/p>\n<p>&#8211; Vorspiegelung einer tr\u00fcgerischen, nicht reellen Idylle (Tourismus-Soap)<\/p>\n<p>&#8211; Krankheitstransfer<\/p>\n<p>&#8211; Zwei- oder Mehr-Klassen-Gesellschaft<\/p>\n<p>&#8211; ineffizienter, einseitiger wirtschaftlicher Aufbau<\/p>\n<p>&#8211; Umweltbelastung<\/p>\n<p>Die Praxis zeigt jedoch auch M\u00f6glichkeiten, den Tourismus sinnvoll zu nutzen. Der \u201esanfte\u201c Naturtourismus und der Kulturtourismus, bei denen tats\u00e4chliches Interesse an den Problemen des Landes zumindest ansatzweise vorhanden ist, will ich mal als Beispiele anf\u00fchren. Damit der\u001fartige Versuche Schule machen und f\u00fcr die Veranstalter auch wirtschaftlich interessant wer\u001fden, bedarf es des Verantwortungsbewusstseins des Einzelnen und der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. Der Verbraucher selbst kann zum Beispiel mit der Entscheidung gegen einen einw\u00f6chigen Badeurlaub zugunsten einer mehrw\u00f6chigen Reise zur Entdeckung von Land, Kultur und Natur einen eigenen Beitrag zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und zum kulturellen Erhalt leisten. Die f\u00fchrenden K\u00f6pfe in Wirtschaft und Politik sollten die neuen Konzepte f\u00f6rdern und verst\u00e4rkt wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit an\u001fstreben. Dazu geh\u00f6rt allerdings auch der Verzicht auf wirtschaftlichen und nationalen Egois\u001fmus sowie einseitigen Lobbyismus.<\/p>\n<p>Solange die Triebkraft des westlichen Tourismus die schnelle, preiswerte und sorglose Ent\u001fspannung vor exotischer Kulisse ist, wird es schwer sein, die Dominanz der negativen As\u001fpekte zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Wenn wir aber erkennen, wie zerst\u00f6rerisch diese Haltung ist und wie sch\u00fctzenswert die Einmaligkeit und Vielf\u00e4ltigkeit der L\u00e4nder der Dritten Welt ist, werden wir Touris\u001fmuskonzepte entwickeln k\u00f6nnen, die den positiven Aspekten zum Erfolg verhelfen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in die unmittelbare Gegenwart. Das Gute ist, je weiter man sich aus den touristischen Ballungszentren entfernt, desto angenehmer und authentischer wird es auch wieder. Hier im urspr\u00fcnglichen Rajasthan, in Jodhpur oder in Jaisalmer in der Thar-W\u00fcste an der pakistanischen Grenze, sind die Menschen wieder prim\u00e4r an mir als exotischem Wessie mit blonden (bzw. grauen) Haaren interessiert. &#8222;Das ist okay,&#8220; denke ich, &#8222;das kenne ich ja schon von meinem Lieblingsv\u00f6lkchen, den Chinesen &#8230;&#8220; und lasse mich oft und gerne fotografieren. Vielleicht sollte ich das auch kommerziell betreiben und meine Urlaubskasse aufbessern, denn der Inder, der eine Kamera hat, hat auch Geld &#8230; &#8222;Wanna take a picture with me? 20 Rupees, please!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon sehr auffallend, wie sehr der Tourismus und die tempor\u00e4re Anwesenheit von &#8222;reichen&#8220; Menschen, Inder wie Ausl\u00e4nder, das Verhalten der Bev\u00f6lkerung eines Landes pr\u00e4gen kann. 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